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Grevenbroich Magazin
Bosse im Interview: Günter Piel zu Tradition und Zukunft

Grevenbroich. In jedem Stadtteil gibt es Menschen, die ihre Freizeit und ihre Fantasie dafür einsetzen, dass Gemeinschaft und Zusammenleben funktionieren. Diese "Ehrenamtler" kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, leisten höchst verschiedene Beiträge zum "sozialen Netzwerk". Einige von ihnen haben Ämter und Funktionen, die sie besonders in den Blickpunkt rücken. Das
"Grevenbroich Magazin" will mit diesen "Bossen" gerade auch über heikle Themen sprechen. Erster Gesprächspartner war Günter Piel, seines Zeichens Präsident der Schützen aus der Gartenstadt Wevelinghoven.

Das Wevelinghovener Regiment ist als ein junges bekannt, das auch besonders viele junge Männer bei den Umzügen auf die Straße bringt. Wie gelingt es Ihnen, Ihren BSV bewusst jung zu halten? 
Der Bürger-Schützen-Verein pflegt unter anderem auch den Kontakt zum BV Wevelinghoven.
Insgesamt gründeten sich in den vergangenen Jahrzehnten fast 20 Schützenzüge, die ihren Ursprung im Fußball haben. Ehrenamtler, die für beide Vereine tätig sind, sind Vorbilder für junge Fußballer, auch in der Freizeit ihre Gesellschaft zusammen im BSV zu verbringen. Die Einbindung
der jungen Schützen in Entscheidungen und der ständige Dialog miteinander ergeben auch für diese jungen Schützen  attraktive Veranstaltungen im Schützenjahr.

Worin unterscheidet sich der Blick aufs Schützenfest und die Traditionen zwischen den altgedienten Jubilaren und den jungen Schützen?
Die älteren Schützen möchten gerne alte Traditionen erhalten. Die jüngeren Schützen möchten gerne alte Zöpfe abschneiden. Den Montagsumzug abzuschaffen, diskutieren die Schützen immer wieder. Interessant ist hierbei, dass das "Für und Wider" keiner Gruppierung eindeutig zuzuordnen
ist. Entscheidend zum Beispiel hierfür dürfte sein, dass ein Umzug spätestens dann keinen Sinn mehr macht, wenn Gäste und Zuschauer am Straßenrand weg bleiben.

Was von den Schützentraditionen sollte auf jeden Fall – sagen wir mal – in die Mitte dieses Jahrhunderts gerettet werden? Was sind "alte Zöpfe", auf die man mal verzichten könnte?
Der Fackelzug als Start und großer Auftakt sollte uns erhalten bleiben. Sicherlich wird es immer schwieriger, die Voraussetzungen des hierzu erforderlichen Fackelbaus möglich zu machen. Im traditionellen Ablauf sind der Sonntagsumzug und vor allen Dingen die Krönung sehr bedeutend.
Entscheidend für eine erfolgreiche Fortführung auch in den nächsten Jahren dürfte sein, den zentralen Punkt unseres Schützenfestes, den Kirmesplatz, in der Mitte des Ortes zu belassen und diesen nicht in die Peripherie zu verlegen.

Apropos Blick in die Zukunft: Viele Gesang-Vereine geben auf. Aber auch andere Vereine kämpfen ums Überleben (Briefmarkensammler als Beispiel). Und auch kleinere Sportvereine haben "Personal-Probleme". Werden alle Schützenvereine der Stadt das Jahr 2050 erleben?
Das ist schwer zu sagen. Die Möglichkeiten, die Freizeit zu gestalten, haben sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Den Schützen-, Heimat- oder Brauchtumsverein zu erhalten, wird sicherlich auch davon abhängen, ob wir die Attraktivität für Mitglieder und auch für Besucher erhalten können. Es gilt hier Traditionen zu bewahren, aber sich dem Neuen nicht zu verschließen.

Stichwort Sicherheit: Wie bewältigen Sie im BSV der Gartenstadt den sicherheitsrelevanten sicherheitsrelevanten Aufwand? Und wie fühlt sich diese zusätzliche Last auf den Vorstandsschultern an? Immerhin musste keiner Ihrer Vorgänger darüber nachdenken, wie man einen Festzug vor "Lkw-Terroristen" schützen kann!
In dieser Frage stehen wir in jedem Jahr im Dialog mit dem Ordnungsamt und der Polizei. Sicherlich wird dieses Thema in diesem Jahr einen anderen Stellenwert erhalten. Fest steht jedoch, dass wir nicht auf alle Möglichkeiten der Störung des Schützenfestes im Vorfeld
durch geeignete Maßnahmen vorbereitet sein können. Wir werden jedoch alle Anstrengungen unternehmen, um die Sicherheit der Schützen und vor allen Dingen auch der Gäste zu gewährleisten. Sicherheitskräfte, Ordnungsamt und auch die Polizei werden mit uns in gemeinsamer Absprache versuchen das Bestmögliche zu erreichen. Die Belastung und natürlich die Verantwortung der Mitglieder des Vorstandes werden hierbei erheblich zunehmen.

Ein beliebter Zankapfel: Frauen und Schützenfest. Was ist Ihre Meinung?
Frauen sind ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Schützenfestes. Unser unvergessener
Präsident Hilmar Krüll bezeichnete die Frauen schmunzelnd immer als schmückendes Beiwerk. Aber seien wir doch mal ehrlich. Was wären wir Schützen ohne unsere Frauen, die sich schon weit vor dem Schützenfest um alles kümmern, was den Schützen so attraktiv in den Umzügen auf der Straße oder im Zelt auftreten lässt. Ludger Baten deutete es einmal so: Das Schützenfest ist  
das große Spiel der Frauen und der Männer. Wenn Frauen von "ihrem" Zug reden oder von
dem neugeborenen "Zugkind", sagt dies doch schon einiges aus. Es ist eine gesellschaftliche
Inszenierung, wobei die Männer die Schützen darstellen und die Frauen die feierwilligen
Zuschauer spielen. Das lass ich hier so stehen.

Noch so ein Thema: Schützen und Alkohol. Sind die Wevelinghovener Schützen auch in dieser Beziehung vorbildlich in der Stadt?
Wo Schützenfest gefeiert wird, ist sicher auch Alkohol dabei. Wir versuchen jedoch mit jährlichen
Hinweisen die Schützen zu ermahnen, Alkohol während der Umzüge möglichst zu vermeiden. Im
Zelt bei den Veranstaltungen ist genug Gelegenheit, mit den Kameraden, Freunden und
natürlich Gästen anzustoßen. Ich bin der Meinung, dass wir in Wevelinghoven jährlich
vorbildliche Umzüge sehen. Natürlich können wir einzelne Fälle des überzogenen Alkoholgenusses nicht immer verhindern. Wir bemühen uns jedoch, Ausfallerscheinungen zu vermeiden.

Wenn, sagen wir mal, Günther Jauch nach Wevelinghoven ziehen würde, wie würden Sie
ihn davon überzeugen, Ihrem BSV beizutreten?

Als Neubürger würden wir versuchen ihn mit den traditionellen Bräuchen unserer Heimatstadt in seiner neuen Heimat vertraut zu machen. Als Schütze ist er Mitglied einer großen Gemeinschaft, die fast 100 Jahre besteht und traditionell Anerkennung auch im weiten Kreis unserer Heimat genießt. Natürlich ist im ersten Jahr als Gast die Kutschfahrt im Sonntagsumzug gebucht, damit er die feierliche und ausgelassene Stimmung während des Umzuges hautnah erleben kann.