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Geschichte(n) mit Stadtführerin Anni Bierbaum
Heute: Geliebte Rosen und eine wilde Orchidee

Geschichte(n) mit Stadtführerin Anni Bierbaum: Heute: Geliebte Rosen und eine wilde Orchidee
FOTO: privat
Grevenbroich. Einer der Bereiche, die in den vergangenen Jahrzehnten dem größten Wandel unterworfen waren, sind die Kneipen. Die früher sprichwörtlich "um die Eck" stehende Gaststätte – zur Flucht aus dem Alltag, zum Klönen mit dem Kumpel, zum flotten Lösen aller Probleme der Welt, zum Genießen der "dritten Halbzeit" – ist leerer geworden. Der Alltag und das Verhalten, die Bedürfnisse der Menschen sind anders geworden. Ein Kneipensterben war die Folge. Um 1900 gab es noch 20 Gaststätten im Innenstadtbereich von Grevenbroich. Zählen Sie mal nach, auf wie viele Sie heute noch kommen …

 

Anni Bierbaum hat zu einigen dieser Kneipen Vergnügliches, Merkwürdiges, eben Anekdoten zusammengetragen.

Haus Portz

Eines der schönsten und markantesten Gebäude unserer Stadt ist das "Haus Portz" mit seinen Erkern und Türmchen in guter Ecklage am Marktplatz. Der Kirche gegenüber wurde das Haus 1897 erbaut, in der Zeit als auch "St. Peter und Paul" neugebaut wurde (bis 1899).

Drei Generationen Portz gab es: Albert, der erste in dieser Reihe, war Bäcker. Er errichtete Bäckerei und Café, in dem auch Wein ausgeschenkt wurde. Übrigens war es zu dieser Zeit noch etwas Besonderes Kaffee zu servieren. Im Jahre 1905 folgte dann die allgemeine Schankerlaubnis.

Eines Sonntags informierte Wirtskollege Froitzheim den Inhaber wie folgt: "Der Pastor hat in seiner Predigt über Dein Schnapsfass geschimpft, dass auf Deiner Theke steht. Der soll sich aber nicht so anstellen. Bei mir sind es sogar zwei!" Alles natürlich im tiefsten und schönsten Platt.

Nach Alberts Tod übernahm sein Sohn Josef die Kneipe. 1918 war im "Haus Portz" dann auch die Geschäftsstelle des "Arbeiter- und Soldatenrates". Versammlungen und Feiern des Bürger-Schützen-Vereins fanden dort statt. Und wichtig: Der Stammtisch der Grevenbroicher Geschäftsstelle kam dort zusammen.

Nach Josefs Tod übernahmen seine Töchter Maria und Finni. Das waren zwei echte Originale, die ein gestrenges Regiment führten. Erst nach dem sonntäglichen Hochamt, wenn der letzte Glockenschlag verklungen war, wurde geöffnet. Fremde wurden misstrauisch beobachtet und die Toiletten waren um 22 Uhr geputzt. Natürlich gab es strenge Blicke und Ermahnungen, wenn sie danach noch benutzt wurden.

Trotzdem war "Haus Portz" beliebt und erfolgreich. Am 31. März 1974 schloss die Gaststätte. Vielen fiel der Abschied schwer. "Blankes Männ", Metzger von der Kölner Straße, soll mehrmals zurückgegangen und Tränen über die Schließung vergossen haben. Danach zog die Stadtverwaltung ins schöne Eckhaus. Zum Beispiel residierte dort die Volkshochschule. Im September 1990 wurde dann – unter der Regie der "Frankenheim Brauerei" – Wiedereröffnung gefeiert.

 

Brendgen

Die Kneipe an der Breite Straße hieß zunächst "Zum Schützenhof". Gastwirt war Peter Joseph Froitzheim. Am 1. März 1856 eröffnete dort Notar Vincenz von Zuccalmaglio (Montanus) dort seine Amtsstube. Bis zur Eröffnung des Rathauses in den Jahren 1875/76 fanden im oberen Saal auch die Sitzungen des Friedensgerichtes statt.

Am 1. Januar 1905 übernahm dann Fritz Brendgen, seines Zeichens Schwager des bekannten Heimatmalers und Chronisten Carl Oberbach die Kneipe, die ab da "Stinnes" genannt wurde. Dieser Name leitet sich von Brendgens Gattin Christine (auf  Platt: "Stina" oder "Stine") ab.

Eine nette Anekdote:  Ein Stammgast schlief immer ein, wenn er zu viel getrunken hatte. Einmal machten die anderen Gäste das Licht aus, als er schlief. Aber der Betrieb, die Gespräche, alle Geräusche gingen weiter. Als er erwachte, rief er ganz verzweifelt: "Ich bin blind." Bis die anderen Gäste das Licht wieder anmachten … großes Gelächter folgte.

Im Herbst 1990 schloss die Gaststätte; das Haus wurde abgerissen. Ein neues Geschäftshaus entstand.

 

"Im Strühschen"

Diese Schankwirtschaft an der Oelgasse, von Familie Lichtschlag gegründet, war eine der beliebtesten Gaststätten der Grevenbroicher im ausgehenden 19. Jahrhundert. Das Besondere war hier der Garten mit vielen schönen Rosensorten und einem Springbrunnen. 1897 fand dort eine Rosen-Ausstellung statt, die sehr prachtvoll gewesen sein muss.

 

"Hotel Hardy"

Diese Gaststätte hatte viele Namen: "Zum Wassersack", "Hotel Hardy", später "Rheinischer Hof". Heute befindet sich in diesem Gebäude die "Deutsche Bank". Im Jahre 1850 errichtete Wirt Wilhelm Raven in seinem Garten ein "Schützenwäldchen" ein, um an den Kirmestagen die Schützenzüge bewirten zu können. Mit "Gartenharmonie, Orchester und Böllerschüssen". Nach drei Jahren hatte er aber Streit mit dem Bürger-Schützen-Verein und aus war es mit seiner Idee.

Im Jahre 1892 übernahm Heinrich Hardy Lokal und Hotel. Bei einem Einbruch wurde berichtet, dass "Linnen und ein guter Braten" gestohlen wurden. Für sein gutes Essen war das Haus bekannt. 1901 folgte Franz  Kalisch für ein kurzes Intermezzo. 1902 war es dann Karl Franzen, der alles in den "Rheinischen Hof" umwandelte. Im großen Saal fanden Feste und Bälle, Karnevalssitzungen und Turnabende des hiesigen Sportvereins statt. Der Garten war für Kinderbelustigungen bekannt. Hier konnte man Boote leihen und sogar eine Gondel fuhr über die Erft. 1945 wurde alles durch Bomben zerstört.

 

"Zur Traube"

Auch wenn die "Traube" später durch Gourmet- und Sternekoch Dieter L. Kaufmann nahezu weltweit bekannt wurde, zählt dieses Haus zu den ältesten Gaststätten der Stadt. Erster Wirt war Gustav Gersch, der 1883 Wirt wurde. Von 1893 bis 1895 entstand das heutige Gebäude. Hier fanden Konzerte, Bälle und Weihnachtsfeiern, ebenso bunte Abende und Theater-Aufführungen statt. Schon im Jahre 1910 wurde die "Traube" im "Blauen Michelin" lobend erwähnt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Hotelier Dickgans Hotel und Restaurant, beides erfolgreich und beliebt. Im Gewölbekeller gab es im "Fuchsbau" legendäre Karnevalsfeste. Viele Grevenbroicher Paare haben sich hier kennengelernt.

1951 brannte es mehrmals; der Betrieb musste ruhen. Im März 1962 kam Dieter L. Kaufmann. Das Folgende ist bekannt. Seit einigen Jahren ist die "Traube" aber leider wieder geschlossen.

 

"Zum schwatte Päd"

Um 1800 gründete Friedrich Wilhelm Fischer an der Kölner Straße (an der Ecke zur Wallgasse) Gastwirtschaft und Herberge. Hier war eine Haltestelle der Postkutsche. Ab 1854 braute Fischer selbst Bier und wurde schnell für sein gutes Gebräu bekannt. Die Wirtin, "Fischers Möhn" genannt, war beliebt und für Schlagfertigkeit und ihr flottes Mundwerk bekannt.

1899 kam es vor dem "Schwatte Päd" zu einem Menschenauflauf: Die letzte Postkutsche machte halt und eine neue Zeit wurde somit eingeläutet. Das Sälchen wurde übrigens "Gürzenich" genannt. Etwa 1897/98 kam es zum Neubau, das markante Eckgebäude entstand und wurde zur "Gaststätte Ellenbeck".

 

"Orchidee"

In den 50er und 60er Jahren bekannt und berüchtigt war die Bar "Orchidee". Sie befand sich da, wo jetzt Wallgasse/Ostwall sind. Es  war die erste Bar in Grevenbroich und es wurde wohl mehr drüber gemunkelt und getuschelt, als dort tatsächlich los war: Es wurde getanzt, moderne Schlagermusik gespielt, es gab Misch-Drinks wie "Asbach-Cola", schummrige Beleuchtung und Bardamen … Gesprächsstoff genug für alle, die nie da waren …

 

"Jägersruh"

Ein Beispiel für eine gemütliche "kleine Kneipe", die auch heute noch besteht, ist die "Jägersruh" an der Neuenhausener Straße. Rudolf und Margret Schneider waren ein sehr beliebtes Wirtspaar. Dort gab es einen Sitzbalken, "Königsbalken" genannt. Wer Schützenkönig werden wollte und schon auf dem "Königsbalken" gesessen hatte, hat angeblich gute Aussichten auf das hohe Amt …