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GM - Grevenbroich Magazin
Torten-Talk: "Ist es meine Aufgabe, Leute in die Kirche zu treiben?"

Torten-Talk: "Ist es meine Aufgabe, Leute in die Kirche zu treiben?"
FOTO: Gerhard Müller
Grevenbroich. Zwei, die sich aus der kirchlichen Arbeit in Allrath und in Umgebung kennen, haben wir im Rahmen des "Torten-Talks" diesmal zusammengeführt: Ex-Jugend-Bürgermeister und heutiger Jugendferienwerker Philipp Bolz sprach für uns mit Pfarrer Jos Houben in bewegter Zeit. Bei einem Stückchen "Grevenbroich-Torte" (vor knapp zwei Jahren in Zusammenarbeit zwischen Jürgen Schall ("Café Breiden") und Erft-Kurier-Macher Gerhard Müller erfunden) entwickelte sich ein munteres Gespräch.

Philipp Bolz: Herr Houben, erst einmal vielen Dank, dass sie unserer Einladung auf ein Stückchen Kuchen und einer Tasse Kaffee gefolgt sind.

Jos Houben: So förmlich habe ich Sie ja noch nie gehört. (lachen beide)

Philipp Bolz: Sie sind ja gleich nach Ihrer Priesterweihe in die Südstadt gekommen. Das ist ja ziemlich genau 41 Jahre her. Und seitdem betreiben Sie die Seelsorgearbeit im Grevenbroicher Süden. Warum haben Sie sich, vor mehr als vier Jahrzehnten, zum Priestertum berufen gefühlt?

Jos Houben: (überlegt) Oh, kann ich so eindeutig nicht sagen, weil man denkt immer man ist berufen worden. Aber ich kann nicht sagen, dann und dann kam der Ruf. Ich denke, das hat auch damit zu tun, wo ich zur Schule gegangen bin. Ich bin mit zwölf Jahren im Ordensinternat gewesen  und habe dort mein Abitur gemacht. Nach dem Abi stand dann die Entscheidung an, was machst du jetzt? Dann fängt das Studium an und dann haben wir uns in der zehnten Klasse mit fünf entschieden, diesem Orden beizutreten. Und dann sind wir in Belgien gelandet und haben uns dort erst einmal mit Philosophie auseinandergesetzt. Vier Semester. Und wieder kam etwas ganz Faszinierendes. Bei uns war es üblich, zwischen Philosophie und Theologie  eine Auszeit zu nehmen, ein Praktikum, und dann landeten wir mit drei Mitbrüdern in Afrika. Wieder eine neue Erfahrung in dieser großen Welt mit Mitbrüdern, die sich für andere eingesetzt haben. Ja und dann kamen die vier Jahre Auseinandersetzung mit der Theologie um die es ja eigentlich geht. Irgendwann kommt die Entscheidung, ob man für immer in diesem Orden bleibt. Und wir haben uns wieder für diesen Orden entschieden. Und dann kam ein Ruf aus Grevenbroich, wir brauchen jemand für die Jugendarbeit, für die offene Tür und so bin ich im Juli 1976 nach Grevenbroich gekommen und bin heute immer noch da. Die Berufung …  also ich denke, ich wurde immer neu berufen. Und sie ist gewachsen durch die Auseinandersetzung mit Menschen und der Erfahrung überall auf dieser Welt.

Philipp Bolz: Also sozusagen die Erfahrung von christlichen Werten, die sie auch zu dem gebracht haben, dass man das auch noch mehr intensiveren möchte.

Jos Houben: Ja, grundlegend ist es auch ganz sicherlich wegen meines Elternhauses. Ich komme aus einer großen Familie und bin der Älteste und bravste von zwölf (lacht) und ja mein Vater war ein sehr sozialer Mensch, also lernte ich aufeinander zu achten, miteinander umzugehen, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Ich denke schon, das war grundlegend. Diese zog sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben und da hab ich gesagt, da kann ich mich dran hängen.

Philipp Bolz: Während ihrer Tätigkeit als Priester, haben Sie ja auch noch nebenbei, da muss ich ja schon sagen, Hut ab‘, Sozialpädagogik studiert?

Jos Houben:  Ich halte sehr viel von Kommunikation, von Auseinandersetzung mit Menschen, denn daraus entwickelt sich etwas. Wenn Menschen sich auseinandersetzen, da liegt das Geheimnis von Kreativität. Und Menschen, die sich nicht auseinandersetzen, sind Alleingänger, die bewirken nichts. Die haben nur eine Spur. Wenn Menschen lernen, Spuren von anderen zu queren, gerade diese Nahtstelle auszunutzen für sich und wirklich zu erfahren, was haben die uns zu sagen, dann denke ich, ist das eine Bereicherung des Lebens und der Mensch wächst daran. Er wächst an sich selbst und hilft auch anderen zum Wachsen.

Philipp Bolz: Dann vielleicht eine etwas kritischere Frage. Im Sommer 2018 gehen Sie in den verdienten Ruhestand, ich glaube mit 70 ist Schluss. Warum haben Sie, kurz vor Ihrer Rente, noch das Gebäudekonzept angepackt. Warum ist das nötig, wie kam es dazu und was sind die nächsten Schritte?

Jos Houben: Das Gebäudekonzept ist einfach die nackte Tatsache, dass wir langsam mal mit realistischeren Augen auf unsere Umgebung gucken und auch mal schauen, was ist da noch von dieser Gemeinde, wovon wir reden? Was spielt sich da ab und was steht da an Immobilien rum, die uns im Moment ziemlich gekostet haben. Ein Kirchraum kostet ziemlich viel Heizungskosten, die uns im Moment ziemlich viel kosten. So eine Kirche kostet ziemlich viel an Heizung und das sind eigentlich die Räumlichkeiten, die nicht genügend frequentiert sind. Wir sitzen manchmal in Pfarrzentren, die nicht mal attraktiv sind. Wo man vielleicht, wenn man eintritt, sich sofort wieder umdreht und wieder geht. Wir brauchen für die Zukunft, wenn wir mit den Leuten Kirche gestalten wollen, Räumlichkeiten, die einladend sind, nicht nur die Pfarrzentren auch die Kirchen. Ist nicht prickelnd in einer Kirche mit 40, 50 Leuten Gottesdienst zu feiern. Wir brauchen Immobilien, die auch nachhaltig bezahlbar sind. Und in diesem Zusammenhang ist dieses Gebäudekonzept zu sehen. Jede Gemeinde wird einen Raum für Begegnung, Feiern und Liturgie haben, aber ich kann momentan nicht sagen wie der Umbau aussieht. Das hängt ab, von der Überlegung.

Philipp Bolz: Und dafür sind zum Beispiel Architekten da oder wie entscheidet sich das?

Jos Houben: Das Generalvikariat hat unsere Idee von unserem Gebäudekonzept gut geheißen. Und hat gesagt: Das ist ein riesiger Batzen. Das ist ein riesiges Projekt. Das kostet eine Menge Geld. Deswegen hat das Generalsvikariat gesagt, ihr müsst euch vor Ort noch einmal gründlich überlegen, was ihr machen wollt. Welche Räume braucht ihr da wirklich? Nicht mehr und nicht weniger. Und die zweite Schiene ist, dass sie gesagt haben, ihr müsst die Investitionskosten reduzieren. Das wird zu viel. Der dritte Faktor war, ihr müsst überlegen, inwieweit ihr auch selbst noch Eigeneinahmen akquirieren könnt, indem ihr ein Gebäude abreißt oder verkauft. Vielleicht als Bauland oder Erbpacht zur Verfügung stellt - das sind die Alternativen. Jetzt geht es soweit, dass die Kirchengemeinde Architekten organisieren kommen, die als Aufgabe haben, wie beispielsweise für Allrath, Alternativen zu entwickeln ob es in dieser Kirchenimmobilie wirklich möglich ist, adäquate Pfarrräume zu gestalten. Und wenn das möglich ist, was diese dann kosten.  (…) Also ich sag es noch einmal: Das Gebäudekonzept ist nicht dazu da um Leute zu ärgern, sondern um überlebensfähig zu bleiben für die Zukunft. Denn irgendwo werden wir Kirchensteuereinbruch haben. Das hat dann zur Folge, dass das Bistum die Pauschale für Instandsetzung und Behördenstiftung reduzieren muss. Ich vermute, dass die Gemeinden vor Ort nicht unbedingt einen sehr realistischen Blick haben. Man hängt an dieser Immobilienkirche mehr als an einem guten Pfarrzentrum und das stört mich, wir brauchen beides. Und wenn wir beide unter einem Dach haben - klein, adäquat, modern, einladend, finanzierbar - das wäre die Lösung.

Philipp Bolz: Es gibt immer weniger Gläubige. Man kann schon sagen: Die Religion hat in den vergangenen Jahrzenten an Bedeutung verloren. Es gibt ja nicht wenige, die die Religion sogar als überflüssig bezeichnen oder als unnötig. Die Welt scheint sozusagen beherrschbar und die Religion als unnötig. Warum ist für Sie denn der christliche Glaube gesellschaftlich wichtig? Also warum muss der christliche Glaube erhalten werden?

Jos Houben: Weil ich glaube, dass das Christentum, dass dieser Mensch, Jesus von Nazareth, uns einiges zu erzählen hat: Wie ich zum Menschen stehe, was ein Mensch ist und wie ich ihn wertschätze. Für mich ist das ein gutes Beispiel. Für mich ist das ein gutes Beispiel wie er Stellung bezogen hat zu bestimmten Situationen und Menschen, die in eine Schieflage geraten sind und wie er diesen Menschen beigestanden hat - nicht mit großen Mitteln, sondern nur durch seine Persönlichkeit und seinen Zuspruch, Gottes Zuspruch. Wie er das gemacht hat, zum Teil auch gewaltlos. Aber auch durch seine Härte und durch seine Authentizität. Das ist für mich auch wichtig. Hart war er in der Art, wie er etwas tat und sagte. Und er stand dazu und das, was er da gemacht hat, das hat mich schon imponiert.

Philipp Bolz: Also sozusagen, Jesus Christus als Vorbild?

Jos Houben: Ja und ich denke, dass wir als seine Nachfolgerschaft soziale und ethische Werte entwickelt haben und die wir für unsere Gesellschaft anwenden können. Aber für mich gibt es außerhalb der Kirche auch Heil. Die katholische Kirche hat nicht nur die Weisheit gepachtet, aber ich denke sie ist schon eine moralische und ethische Norm dieser Gesellschaft, die man nicht unterschätzen sollte. Aber sie kommt eh erst zur Sprache, indem wir davon reden. Und wenn wir das auch umsetzen. Ich vermute, Kirche wird heute sichtbar in der Nähe zu den Menschen. Also mein Verständnis von Kirche spielt sich nicht nur im Kirchenhaus ab. (…) Ich denke, die Kirche der Zukunft wird eine Gemeinschaft sein, die einlädt mitzumachen bei dem, was sie wirklich ist. Und transparent durch Menschen, die das praktisch leben. Und mit solchen Menschen bin ich gerne auf dem Weg – auch nach 40 Jahren.

Philipp Bolz: Was kann  die Kirche allgemein tun, um Kirchenaustritten und den leeren Reihen in den Gottesdiensten entgegen zu setzen?

Jos Houben: Die Frage für mich ist, ist es meine Aufgabe unbedingt Leute in die Kirche zu treiben? Ich finde, dass ich manchmal die Leute eher da erreiche, wo ich ihnen begegne. Auf die Art und Weise wie ich mich darstelle, spreche ich Leute an, fordere sie heraus oder ich stoße sie ab - also alles habe ich erlebt, das gehört auch zu meinem Job. Ich versuche immer, mit dem was ich bin und mit dem was ich möchte, die Leute in Auseinandersetzung zu bringen. Auf der Straße oder irgendwo über andere gesellschaftliche Begegnungen, um einfach das klar zu machen, wofür du stehst. Man kann natürlich von außen alles schön betrachten aber wag dich doch mal in den Innenfilm von Kirche und schau mal, ob da was für dich ist. Und wenn nicht, dann gehst du wieder; sonst bist du herzlich willkommen. Menschen bewegen und für andere da zu sein. Das ist Kirche.

Philipp  Bolz: Jetzt habe ich natürlich die allerwichtigste Frage, die kommt ja immer zum Schluss: Würden Sie noch einmal  Priester werden? Würden Sie sich noch einmal für das Priesteramt entscheiden?

Jos Houben:  (überlegt) Das ist wie die Frage, ob man die Frau noch einmal heiraten würden. (lacht). Kann ich so nicht sagen. Ich sage einfach mal, ich bereue es nicht. Ich habe immer das Glück gehabt gute Begleiter auf dem Weg zu haben, die an der richtigen Stelle gut beraten oder gut begleitet haben. Ich habe jede Chance, die mir angeboten wurde, gut abgewogen und wahrgenommen. Ich kann einfach sagen, ich habe Glück gehabt. Und wenn es die Bedingung noch einmal geben würde, würde ich sagen: warum nicht.

Philipp Bolz: Also ein zufriedener Rückblick auf 41 Priesterjahre. (lächelt) Jetzt hab ich zum Schluss noch zwei Sätze mitgebracht. Die müssen ganz kurz und knapp vervollständigt werden. Papst Franziskus ist für die Kirche …

Jos Houben: … eine Gnade, ein Segen, ein Geschenk.

Philipp Bolz: Ich wünsche mir für die Gemeinde in Grevenbroich …

Jos Houben: (überlegt) Oh, Kreativität, mehr Mut (überlegt) und eine intensivere Auseinandersetzung mit der Gemeinde.