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Die Zukunft der Braunkohle. Ein Zwischenruf.
Wie einst Don Quichotte: Wenn Argumente nicht mehr zählen!

Die Zukunft der Braunkohle. Ein Zwischenruf.: Wie einst Don Quichotte: Wenn Argumente nicht mehr zählen!
CDU-Mann Petrauschke und SPD-Kämpe Thiel geben nicht auf, auch wenn ihr Kampf mittlerweile Don-Quichotte-Züge annimmt. FOTO: Foto: Archiv, Pixabay
Grevenbroich. Es ist aller Ehren wert, wie heimische Politiker und Parteien sich gegen das vorzeitige Ende der Braunkohle-Verstromung stemmen. Wie sie versuchen, mit guten Argumenten doch noch Einfluss auf die Beratungen der "Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung der Bundesregierung" ("Braunkohle-Kommission") zu nehmen. Nur erinnert das alles doch sehr an Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlenflügel ... Von Gerhard Müller

Hört man sich außerhalb des "Rheinischen Reviers" um, so gilt "Braunkohle" inzwischen schon als Synonym für "Dreckschleuder". Werden die Rechtsbrecher aus dem Hambacher Forst als aufrechte Kämpfer für eine bessere Luft gesehen. Gilt das RWE (wieder einmal) als das "große Kapital", das ohne Rücksicht das ebenso so große Geld scheffeln will.

Die öffentliche Debatte wird dabei mit dem Bauch geführt, nicht mit dem Hirn. Denn sachliche Argumente zünden schon lange nicht mehr, so sehr die heimische Politik sie auch ins Felde führt.

Ja, es stimmt: Die alternativen Energien brauchen noch rund 25 Jahre, bis sie in der Lage sind, durchgängig und gesichert für Strom zu sorgen. Das sagen auch die Fachleute aus dem Bereich der alternativen Energien.

Also schlägt "Greenpeace" für diese Übergangszeit vor, Gaskraftwerke zu bauen.

Ja, es stimmt: Moderne Gaskraftwerke sind sauberer als alte Braunkohle-Kraftwerke. Zieht man aber den Vergleich zu modernen BoA-Kraftwerken sieht das ganz anders aus. Die halten nicht nur klar mit, sondern würden die deutsche Abhängigkeit vom russischen Gas nicht noch erhöhen.

Mal ganz abgesehen davon – so der Hinweis von SPD-Politiker Rainer Thiel –, dass für diesen Neubau von Gaskraftwerken und von weiteren Gas-Pipelines die Öko-Bilanz ja auch erheblich negativ belastet würde.

Und ja, es stimmt: Ein abruptes Ende der Braunkohle-Verstromung würde das "Rheinische Revier", aber auch die gesamte deutsche Wirtschaft bedrohen, wie Landrat Hans-Jürgen Petrauschke nicht müde wird zu betonen.

Zigtausend Arbeitsplätze, energieintensive Unternehmen in der Region und Hunderte von Unternehmen in direkter oder indirekter Abhängigkeit vom Tagebau hängen an den Riesenbaggern in der Grube. "Strukturwandel" wird gerade einmal angedacht. Und er wird mehr als die zehn Jahre brauchen, die ihm Ronald Pofolla geben will.

Ja, es stimmt: Aber auch die gesamte deutsche Wirtschaft braucht Tag für Tag, Sommer wie Winter eine gleichbleibende und gesicherte Stromversorgung. Klar kann man auf die Braunkohleverstromung verzichten und bei aufkommenden Versorgungslücken Strom aus dem Ausland kaufen. Welchen ökologischen Sinn das macht, erschließt sich aber nicht.

Immerhin kann man über die Bundesrepublik nicht einfach eine Ausstechform stülpen und sagen: Jetzt haben wir eine bessere Luft und lassen weder die schlechte Luft vom Osten (da werden munter neue Kohlekraftwerke gebaut) noch die vom Westen (da produzieren Atomkraftwerke Strom, die nach deutschen Normen Null- oder doch kaum Sicherheit bieten) rein.

Und schließlich: Ja, es gibt ein Ausstiegsszenario, das von der alten rot-grünen Regierung festgeschrieben wurde. Und das sowohl vom RWE als auch von der Wirtschaft mitgetragen werden kann.

Aber das alles sind sachliche Argumente, die den Kopf ansprechen. Und die haben momentan in deutschen Landen keine Chance.

Außerdem will Bundeskanzlerin Angela Merkel bis zum nächsten Weltklimagipfel im Dezember im polnischen Katowice Ergebnisse auf dem Tisch haben, wie die Bundesrepublik ihre gesteckten Klimaziele irgendwann dann doch mal erreichen will. Sicherlich hat die Braunkohle hier schon einiges geliefert, doch scheint da der Pack-an größer als beim Individualverkehr und bei der Hausbefeuerung.

Man sieht: Die Diskussion läuft aus heimischer Sicht ziemlich in die falsche Richtung. Und am Ende könnte die 2035 von Ronald Pofalla noch das geringste Übel sein ...

Gerhard Müller

(Kurier-Verlag)