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Jüchen wird Stadt
Pfarrer Ulrich Clancett: "Stadtluft mach frei"

Jüchen wird Stadt: Pfarrer Ulrich Clancett: "Stadtluft mach frei"
Pfarrer Ulrich Clancett wird im Jahresabschluss-Gottesdienst das Motto „Stadtluft macht frei“ thematisieren. FOTO: Foto: Alina Gries
Jüchen. "Wirst Du eigentlich bald befördert?" Diese Frage – halb im Scherz – bekomme ich (und sicher auch der Jüchener Bürgermeister) in den letzten Wochen sehr häufig gestellt. "Zu was?" – "Ja jetzt, wo Jüchen Stadt wird, zum Stadtpfarrer...?!" Auch meinem evangelischen Amtskollegen und Freund von der anderen Seite des Jüchener Marktes wird es nicht anders ergangen sein. Von Alina Gries

Nein, werde ich nicht. Und auch Bürgermeister Harald Zillikens und Pfarrer Horst Porkolab können diese Frage nach einer Beförderung oder Gehaltserhöhung sicher nur mit einem lächelnden "Nein" beantworten. Eigentlich wird am 1. Januar 2019 fast alles so bleiben, wie es auch am 31. Dezember 2018 schon war. An diesem Tag wird die "Gemeinde Jüchen" zur "Stadt Jüchen". Gefeiert wird das mit einer großen Gala im eigens dazu errichteten Festzelt. "Stadt" – das wird man nur einmal. Ein ganz besonderes, ein historisches 21 Ereignis.

 "Hück jeht et in de Stadt!"

Überhaupt – früher war das mit der Stadt etwas Besonderes. Dazu eine kleine Geschichte, die ich vor vielen Jahren selbst in Jüchen erlebt habe. Ich kam in eine Imbiss-Stube am Jüchener Markt und vor der Theke warteten mehrere Kunden auf die Fertigstellung ihrer Essens-Bestellungen. Darunter auch ein älterer Herr, der längst verstorbene Schuster. Er hatte sich fein herausgeputzt – kannte man ihn doch sonst nur in seiner blauen Latzhose. Heute im Anzug – zugegeben: der hatte auch schon bessere Zeiten gesehen und saß vor allem nicht gerade wie ein maßgeschneidertes Exemplar. Mir rutschte es einfach so zur Begrüßung heraus: "So schick... Was ist los?" Der Schuster lächelte mich an, griff unter seine Hosenträger und verkündete mir stolz: "Hück jeht et in de Stadt!" Für einen Moment schossen mir Kindheits-Erinnerungen durch den Kopf: Ja – damals war es auch bei uns zuhause etwas Besonderes, "in die Stadt" zu fahren. Da wurden wir auch herausgeputzt, bevor es mit dem Schienenbus in die Kreisstadt und dann mit dem "großen Zug" in die große Stadt ging – zumeist zum Einkauf.

Also – irgendwas macht das schon auch mit den Menschen, die nun nicht mehr in einer Gemeinde – sondern in einer Stadt wohnen. Früher waren damit besondere Rechte und Privilegien verbunden, zuweilen auch besondere Pflichten. Die "Stadtmenschen" blickten zumeist etwas hochnäsig auf die " Landeier" herab. Wird das in Zukunft auch bei uns so sein? Werden wir mit den Stadtrechten zurechtkommen, mit dem, was sich vielleicht dadurch in der Verwaltung ändern wird? Wie werden andere auf uns sehen? Wird man uns bei den Nachbarstädten nun ernster nehmen, uns auf Augenhöhe begegnen? Mich treibt die Frage um, ob es neben den Stadt-"Rechten" eigentlich auch Stadt-"Pflichten" geben wird...?

Stadtluft macht frei

Ich persönlich verbinde mit der Stadtwerdung unserer liebens- und lebenswerten Gemeinde die große Hoffnung, dass dies einen Schub in Richtung eines gemeinsamen "Stadtbewussseins" gibt. Vielleicht können uns die Denkanstöße des ökumenischen Jahresschluss-Gottesdienstes, den wir in diesem Jahr gemeinsam am Silvesterabend um 18 Uhr in der evangelischen Hofkirche feiern können, ein wenig weiterhelfen. In diesem Gottesdienst wird die Freiheit im Mittelpunkt stehen, wie es das Leitwort ankündigt "Stadtluft macht frei!".

Paulus ruft es den Galatern in seinem Brief zu: "Ihr seid zur Freiheit berufen!" Und Jesus zitiert in einer Synagoge das alte Jesaja-Wort "...damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze...".

Das wird es also werden, das Besondere der "Stadt" Jüchen: Einerseits neu zu spüren, was es heißt, zur Freiheit berufen zu sein. Andererseits aber auch der Auftrag, denen, die es nötig haben, diese Freiheit aktiv zu verschaffen. Das ist die eigentliche "Beförderung" für uns alle hier in Jüchen, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen. Ich weiß, das klingt jetzt alles sehr pathetisch.

Stadtwerdung kann zu einer Kraftquelle werden

Und trotzdem möchte ich diesem Moment der Stadtwerdung ein bisschen Feierlichkeit und Erhabenheit abgewinnen – weil das meiner Überzeugung nach zu einer Kraftquelle werden kann, die vor uns liegenden Aufgaben im Sinne unserer christlich-abendländischen Tradition anzugehen und vielleicht zu meistern. In diesem Sinne werde ich am Silvesterabend vor allem für die uns anvertrauten Menschen der neuen Stadt beten – und ich lade Sie alle ein, das auch zu tun.

Und wenn darüber hinaus noch Unterstützung notwendig sein sollte, lade ich gerne in die kleinste Kirchengemeinde unserer neuen Stadt nach Neuenhoven ein: Dort in der Kirche werden seit sechs Jahrhunderten die Heiligen Vierzehn Nothelferinnen und –helfer verehrt. Unter denen findet sich sicher einer, der uns in der neuen Stadt seine Hilfe zuteil lassen wird.

Gottes Segen Ihnen allen zum Neuen Jahr. Gott segne und schütze unsere neue Stadt Jüchen!

 

(Kurier-Verlag)