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Die „großen“ Kandidaten über Niederlagen und Scheitern
„Zu Hause wird mit mir Klartext gesprochen!“

Die „großen“ Kandidaten über Niederlagen und Scheitern: „Zu Hause wird mit mir Klartext gesprochen!“
Hermann Gröhe: Zu Hause spricht man Klartext mit ihm.
Grevenbroich. Sie wollen (wieder) nach Berlin. Ins Zentrum der Macht. Um im Bundestag über die Geschicke der Nation zu entscheiden. Mit dem eigenen Gewissen als einzigen Maßstab. "Wenn ich einen Politiker wählen soll, muss ich wissen, wie er mit Niederlagen umgeht. Wie oft er schon krachend gescheitert ist", sagt ein befreundeter Journalist aus den USA. Also, Hand aufs Herz, liebe Kandidaten: Welche Erfahrungen haben Sie klug gemacht? Von Gerhard Müller

"Krachendes Scheitern oder gar Schicksalsschläge sind mir bisher erspart geblieben. Dafür bin ich dankbar", betont Hermann Gröhe, der als Bundes-Gesundheits-Minister für die CDU im heimischen Wahlkreis antritt.

Allerdings spricht er offen über eine "besonders bedrückende Ohnmachtserfahrung bereits am Beginn meiner Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag": Im November 1995 forderte der Deutsche Bundestag einmütig die damalige Militärdiktatur in Nigeria auf, den zum Tode verurteilten Menschenrechtler und Dichter Ken Saro-Wiwa freizulassen. "Wie wir, forderten dies zahlreiche Parlamente in aller Welt. Wenige Tage nach dem Beschluss wurde Saro-Wiwa und mit ihm acht weitere Angeklagte gehängt. Aller Protest hatte nichts genützt. Doch wir dürfen uns nicht entmutigen lassen! Mir wurde der Einsatz für Menschenrechte immer wichtiger und gerne war ich von 1998 bis 2005 Menschenrechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion."

Politischer fallen die Antworten des SPD- und des FDP-Kandidaten aus: "Die schmerzhafteste politische Niederlage war die verlorene Bürgermeisterwahl 2009. Ich war Leiter des Wahlkampfteams. Mit 115 Stimmen haben wir damals knapp die Wahl verloren", lautet die Antwort Daniel Rinkerts, der für die Sozialdemokraten neu in den Bundestag will.

Ähnlich antwortet Bijan Dijr-Sarai: "Das Wahlergebnis der FDP bei der Bundestagswahl 2013 und das Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag habe ich als eine bittere Niederlage empfunden. Trotzdem habe ich diese Niederlage auch als eine Chance gesehen, um notwendige Veränderungen und Verbesserungen für die Zukunft der FDP vorzunehmen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eine starke FDP kehrt auf die politische Bühne zurück!"

"In meinem Leben gab es, wie bei allen Menschen, immer wieder Situationen, in denen ich gescheitert bin. Wichtig in solchen Momenten ist, das Scheitern nicht vor sich selbst zu verleugnen. Wenn es dann noch gelingt, aus den eigenen Fehlern zu lernen, gilt: ,Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende'." Peter Gehrmann, Kandidat der "Grünen", gibt mit diesen Sätzen ein ehrliche, persönliche Antwort, die gleichzeitig – ganz im Sinne des US-Journalisten – auch eine Grundhaltung deutlich macht.

Soviel zum Scheitern, doch wo siedeln die vier Kandidaten "Erfolge" an? "Der schönste Erfolg in der politischen Arbeit ist das Erleben, Menschen ganz konkret in ihrem Leben helfen zu können. Das reicht von vielen Einzelanliegen aus der Bürgersprechstunde bis zu der von mir vorangetriebenen Gesetzgebung, mit der wir die Hospizarbeit deutlich gestärkt haben. Aber leider gibt es auch die Erfahrung, nicht helfen zu können", so wiederum Hermann Gröhe. Und Daniel Rinkert geht in die gleiche Richtung: "Der schönste politische Erfolg ist, wenn Bürger sich bei einem bedanken, wenn man sich für sie eingesetzt hat."

"Über den Erfolg eines Politikers wird aber auch heute noch an der Wahlurne abgestimmt.

Eine Niederlage bei einer Wahl bleibt trotz vielfachen Schönredens eine Niederlage", setzt sich auch bei dieser Frage Peter Gehrmann.

Wer aber hilft den Kandidaten beim krachenden Scheitern, aber auch bei rauschenden Erfolgen, sich wieder "einzunorden"? Für Bijan Dijr-Sarai und Daniel Rinkert sind es gute Freunde sowie die Familie. Hermann Gröhe stellt fest: "Zu Hause wird stets Klartext gesprochen. Ganz wichtig sind mir zudem die wirklich guten Freunde – hier in der Heimat, zum Glück aber auch im politischen Berlin. Und dort auch nicht nur in der eigenen Fraktion."

Und Peter Gehrmann merkt an: "Am meisten helfen mir Menschen, die mir zeigen, dass ich mich nicht zu wichtig nehmen soll und mich an die schönen Seiten des Lebens erinnern."

Gerhard Müller/geguni

(Kurier-Verlag)