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Wo unsere Weihnachtsbräuche herkommen …
Vom „Adonis-Garten“ und der „Metten-Wurst“

Wo unsere Weihnachtsbräuche herkommen …: Vom „Adonis-Garten“ und der „Metten-Wurst“
FOTO: privat
Grevenbroich. Manfred Becker-Huberti aus Langwaden, ehemaliger Pressesprecher des Kölner Generalvikariat und profunder Kenner des Vatikans in Rom, ist katholischer Theologe, Experte für religiöse Volkskunde, Buch-Autor und Honorar-Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar in Rheinland-Pfalz. Mit dem "Grevenbroich Magazin" sprach er über Weihnachtsbräuche, wo sie herkommen, wie sie entstanden sind und was sie uns heute vielleicht noch zu sagen haben. Von Gerhard Müller

Unter anderem erinnert er an den fast vergessenen Brauch des "Strohhalm-Legen":  Am ersten Advent wurde gut sichtbar in der Wohnung eine kleine Krippe, eine Wiege, aufgestellt. Daneben lagen Strohhalme. "Wer eine gute Tat tat, zum Beispiel Schuhe putzen auch wenn er nicht dran war, der durfte einen Halm in die Krippe legen.  … damit das Christkind weich zu liegen kam", verrät Becker-Huberti. Die meisten kennen wahrscheinlich noch den Spruch  "Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen."

Kaum noch bekannt dürfte die Tradition des "Frau tragen" sein. Dabei ging  es um die symbolische Herbergssuche  von Maria und Josef: "Am ersten Advent wurde die Ikone der schwangeren Maria (in der Darstellung mit geöffnetem Bauch mit Jesus als Embryo) aus der Kirche in eine Familie getragen. Am nächsten Tag wanderte die Ikone weiter in die nächste Familie. Und so wanderte die Ikone den gesamten Advent hindurch durch die Gemeinde. Am Heiligen Abend kehrte sie dann in die Kirche zurück. Die dahinter stehende Aussage ist klar: Liebes Jesu-Kind, wenn du heute kämest, würden wir dir Tür und Tor öffnen", berichtet Manfred Becker-Huberti.

Das "Adonis-Gärtchen" war ein Zeitmessgerät für Kinder

Oder haben Sie schon mal vom "Adonis-Gärtchen" gehört? Am ersten Advent wurde ein Teller mit Weizen befüllt  und  etwas Wasser wurde dazu gegeben. Sonne und Licht sorgten dafür, dass der Weizen mit der Zeit grünt. Bis zum Heiligen Abend bildete sich so ein warmer Teppich fürs sehnsüchtig erwartete Jesuskind. "Das ,Adonis-Gärtchen‘ war ähnlich wie Adventskalender und Adventskranz ein Zeitmessgerät für die Kinder, denen man anschaulich machen wollte, wie lange es noch bis Weihnachten ist", erklärt der Langwadener Theologe und Autor.

"In Zeiten, als die Menschen nicht lesen und nicht schreiben konnten, mussten die Inhalte anders deutlich gemacht und vermittelt werden. So entstand das Krippenspiel", weiß Becker-Huberti.  Vor dem Krippenspiel wurde damals allerdings das "Paradies-Spiel" aufgeführt. Denn der 24. Dezember ist auch Gedenktag für Adam und Eva. "Sie brachten die Erbschuld in die Welt. Jesus büßte diese Erbschuld dann ab. Seine Geburt wird am Heiligen Abend gefeiert", erläutert er die Logik, beide Feste auf einen Tag zu legen.

Im "Paradies-Spiel" musste gezeigt werden, wie Eva eine Frucht vom Baum der Erkenntnis pflückt und diese Adam gibt, der in sie hineinbeißt.  Manfred Becker-Huberti erklärt:  "Gebraucht wurden ein grüner Baum, im Winter eine Tanne oder  Fichte  und Äpfel, hierzulande zumeist die rote Renette. Die wurden mit einer Kordel an den Baum gebunden, so dass das Spiel gelingen konnte."

Weihnachtskugeln ersetzen den Apfel

Nach dem Paradiesspiel blieb der Baum stehen, das Krippenspiel folgte. "Der Christbaum war entstanden", so der Buch-Autor.

Die ersten, die Weihnachten außerhalb der Kirche feierten, waren die Innungen. Sie stellten den Baum auf, banden aber für die Kinder kleine Spielzeuge (aus Holz) und Plätzchen an den Baum. Die Kinder durften den Baum dann "abblümeln". Aus dem Thüringischen (Glasblasekunst) kommend ersetzten Weihnachtskugeln irgendwann die Äpfel.

Becker-Huberti: "Es folgte der zweite Schritt: Der evangelische Adel übernahm die Idee des Weihnachtsbaumes. Der Baum kam auf den Gabentisch und wurde mit Kerzen geschmückt. Jesus als das Licht der Welt wurde symbolisiert. Und für lange Zeit war der Christbaum Kennzeichen für evangelische Familien und Häuser."  Erst um 1900 fand er auch Eingang bei katholischen Familien. "Die Preußen waren ja schlau ..!", lacht er: Im Krieg 1870/71 ließen sie Christbäume in den Schützengräben aufstellen. Und so sahen auch die Katholiken, dass es eine nette Idee war.

Apropos Schützengräben:  Der "Jul-Frieden" oder "Weihnachtsfrieden" geht auf einen vorchristlichen Brauch aus dem Norden zurück: Alle, die Streit hatten, sollten sich vor den Festtagen zusammensetzen (zur Not mit einem Schlichter) und den Streit aus dem  Weg räumen.  "Noch heute versucht man bei Kriegen am Heiligen Abend die Waffen schweigen zu lassen", verweist der Langwadener Autor.

Würstchen und Kartoffelsalat am heiligen Abend

Das "Christkindl-Einläuten" machte dann endlich deutlich, dass das große Fest nahe war:  Am 17. Dezember läuteten alle Glocken, um zu zeigen: in einer Woche ist Weihnachten. "Dies war verbunden mit der Mahnung: Schaut Euch um! Wer ist krank? Wer ist arm? Jeder muss so versorgt werden, dass er gebührend Weihnachten feiern kann. Zum Beispiel wurde für die gebacken, die es selber nicht mehr machen konnten." Manfred Becker-Huberti ist selbst noch als kleiner Messdiener zu den Alten und Kranken im Ort gegangen, um ihnen zu helfen, ihnen vorzulesen oder kleine Gaben zu bringen.

Am Heiligen Abend, der ein strenger Fast- und Abstinenztag (kein Fleisch, nur eine Mahlzeit) war, ging die Familie geschlossen zur nächtlichen Christmette. "Nur die Oma war alt und musste daheim bleiben", weiß Manfred Becker-Huberti. Der Küster läutete am Ende der Mette die Glocken.

"Dann setzte Oma das Wasser auf. Und wenn die Familie nach Hause kam, waren die Würstchen, die ,Metten-Würstchen‘, heiß. Noch heute gibt es vielerorts Kartoffelsalat und Würstchen am Heiligen Abend."

Eine andere Tradition ist das "Baum aussingen". Damals wurden echte Kerzen im Christbaum benutzt. Und der Baum stand bis "Maria Lichtmess" am 2. Februar.  An dem Tag wurden die Kerzen singend aus dem Baum entfernt, der dann auch abgeschmückt wurde. "Das letzte Stummelchen wurde aufgehoben und  beim nächsten Weihnachtsfest wurde es zum Endzünden der neuen Kerzen benutzt.  Die Symbolik ist klar: Der ewige Kreislauf des Lebens", schließt Becker-Huberti.