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Menschen in Jüchen
Mit den Amerikanern kam die Schokolade …

Mit den Amerikanern kam die Schokolade …
FOTO: Alina Gries
Jüchen. "Ich stand gerade in einer langen Schlange beim Metzger, als die ersten
Granaten einschlugen", erinnert sich Hubert Knabben. Da war er gerade einmal zehn Jahre alt. Der 81-Jährige ist ein Zeitzeuge und berichtet
über die Erinnerungen an den Einmarsch der Amerikaner in Jüchen. Reporterin Alina Gries sprach mit ihm darüber, wie er den Krieg erlebt hat und wie er die Erlebnisse verarbeitet – nämlich mit Fotos aus der Zeit.

Woran erinnern sie sich noch wenn Sie an den zweiten Weltkrieg denken?
Die ersten Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg habe ich als fünfjähriger Junge. Jüchen war Aufmarschgebiet für das Militär. Überall auf der Straße standen schon vor Kriegsbeginn Panzer, Kanonen und Zugmaschinen.
Jede Familie in der Gemeinde musste deutsche Soldaten aufnehmen. Wir hatten auch einen aufgenommen – ich erinnere mich daran, dass sein Name Kröger war. Er aß mit meiner Familie und schlief auch bei uns. Dann
musste er an die Kriegsfront nach Frankreich aufbrechen. Und eines Tages wurden wir aufgefordert an jeden Haushalt alle Fenster und Außentüren zu verdunkeln. Wer keine Rollladen an den Fenstern hatte, musste sich Holzrahmen machen, mit schwarzer Pappe. Es durfte kein Licht nach außen gelangen, damit die englischen Flugzeuge in der Nacht keinen Orientierungspunkt nach unten hatten, um die Bomben zielgenau abzuwerfen. So lag Deutschland nachts im Dunkeln. Und wir bekamen Lebensmittelkarten, denn alle Lebensmittel wie Brot, Butter, Fleisch oder
Mehl waren so rationiert, dass oft alles ausverkauft war wenn ich an der Reihe war. Und wir hörten immer den Sender BBC, der strengstens
verboten war. Weil sie die Wahrheit aussprachen, wie es um uns stand. Die
deutschen Sender wurden als Propaganda missbraucht.

Wie haben Sie den Einmarsch erlebt?
Wir hörten den Kanonendonner näher kommen, als plötzlich die Granaten in Jüchen einschlugen. Die deutschen Soldaten verließen fluchtartig das Gelände, um sich hinter dem Rhein abzusetzen. Mein Vater, meine drei Schwestern und ich verbrachten die Nacht völlig verängstigt im Keller. Als die Sonne aufging, war schweres Maschinengewehrfeuer zu hören. Die Panzer der Amis drangen in die Gemeinde ein und schossen in die damalige Volkshochschule, dreimal in die katholische Kirche und die Sakristei und auch in ein paar Häuser.

Was passierte dann?
Irgendwann wurde es draußen ruhig, dann schlug unsere Türe auf und schwer bewaffnete Soldaten standen am Absatz unserer Kellertreppe. Mein Vater hat sofort die Hände in die Luft geschlagen und gerufen "Nix
Soldat". Wir hatten Angst, weil wir nicht wussten was mit uns passieren würde. Die Amerikaner drängten uns nach draußen zum "Haus Katz", wo sich schon viele Familien versammelt hatten. Vor uns standen sechs oder sieben deutsche Soldaten, die zuvor gefangen genommen wurden.

Wie lange mussten Sie dort ausharren? 
Mindestens ein bis zwei Stunden harrten wir in dieser Stellung aus, ehe wir dann auf den Marktplatz gescheucht wurden. Mehr als 2.000 Menschen
versammelten sich dort. Wir mussten zusehen, wie Panzer und andere Kriegsgeräte mehrere Stunden an uns vorbeifuhren. 

Was haben die amerikanischen Soldaten dann von Ihnen gefordert?
Dann auf einmal wurden alle männlichen Personen zwischen 18 und 35 Jahren dazu aufgefordert aus der Reihe zu treten, damit sich auch
kein deutscher Soldat in der Menge befinden konnte. Ich erinnere mich, dass sechs oder sieben deutsche Soldaten im Urlaub waren und deshalb auch zivile Kleidung trugen. Einer davon war mein Nachbar gewesen – Johannes Müller. Sie alle wurden sofort abtransportiert und waren
etwa drei Jahre in französischer Gefangenschaft. 

Was war mit Ihrem Vater? 
Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt 54 Jahre alt. Er wollte nicht in den Krieg ziehen, weil meine Mutter zuvor verstorben war. Meine Geschwister waren 19 und 21 Jahre alt. So stellte er sich krank, als er in den Volksstrom einbezogen werden sollte und wurde ins Krankenhaus gebracht. Einen Tag bevor die Amis kamen wurde er entlassen. 

Was ist auf dem Marktplatz geschehen?
Während wir auf dem Marktplatz standen, machten amerikanische Aufklärungsflugzeuge und Bildreporter viele Fotos von Jüchener Bürgern, von befreiten russischen Zwangsarbeitern, von der Menschenmenge und sogar einen kurzen Film. Ein Teil kann man sogar im Film "Das Goebbels Experiment" sehen. Die Bilder konnte ich vor längerer Zeit vom amerikanischen Nationalmuseum erwerben.

Wie ging es denn auf dem Marktplatz weiter?
Während wir verängstigt auf dem Marktplatz herumstanden, hatten die polnischen und russischen Zwangsarbeiter unsere Häuser geplündert.
Mein Vater hatte zuvor die Türe offen stehen lassen, sodass bei dem Raubzug unser Haus ausgelassen wurde. Dann zeichneten die amerikanischen Soldaten Zahlen auf die Hauswände, die signalisierten, wie viele in jedem Haus schlafen konnten.

Wie viele Soldaten nächtigten bei Ihnen?
20 amerikanische Soldaten suchten bei uns ein Dach über dem Kopf. Unser Tisch war voll von Orangensaft, Schokolade, Kekse, Lebensmittel
– das war klasse. Ich hatte seit drei Jahren keine Schokolade mehr gegessen. 

War die Stimmungnicht beklemmend?
Eigentlich gar nicht. Wir wussten der Krieg geht zu Ende und es kommen
keine Bomben mehr. Wir mussten nicht mehr in die Luftschutzbunker. Einer
der Soldaten spielte Klavier und einer sprach sogar deutsch. Sein Name war Schmitz, aber er durfte nicht zu viel mit uns reden. 

Wie lange blieben die Soldaten in Ihrem Haus?
Nur für eine Nacht. Am nächsten Tag ging für sie der Krieg weiter. Andere
amerikanische Soldaten belagerten dann Jüchen, die die länger bleiben würden. Etwa 20 Familien mussten für sie ihre Häuser räumen und suchten Unterschlupf bei den Nachbarn und auch bei uns. Der Krieg dauerte
dann noch fast drei Monate.

War dann Ruhe in Jüchen eingekehrt?
Einmal wollten meine Schwestern bei der Hofpumpe unseres Nachbarn Wasser holen, als sie von deutschen Jägern beschossen wurden. Bei dem Feuerwechsel mit den amerikanischen Soldaten ist unser Zahnarzt ums Leben gekommen.

Wie verliefen dann noch die weiteren drei Monate?
In der damaligen Volksschule waren amerikanische Soldaten untergebracht. Wir sind dann öfter hineingeschlichen und haben den Amis Zigaretten, Schokolade oder Kaugummis geklaut. Und auch auf den Straßen sammelten wir die halb aufgerauchten Zigaretten ein, damit die älteren Männer den Tabak in ihren Pfeifen rauchen konnten. 

Was ist passierte, als die Amis Jüchen verlassen haben?
Als die Amis abgezogen waren, bedankten sie sich noch bei den Frauen und Mädchen für die Hilfe – das war eher unüblich. Und dann kamen die Engländer – nur halb so freundlich und halb so habselig wie die Amis. Aber das war verständlich, schließlich hatte Deutschland viel Unheil in ihrem Land angerichtet. 

Hatten Sie auch jemanden im Krieg verloren?
Zwei meiner Brüder wurden in den Krieg geschickt – aber sie haben beide überlebt, wenn auch mit vielen Narben. Mein zweitältester Bruder ist mit 21 Jahren erblindet. Eine Granate ist in Russland direkt vor ihm explodiert. Beide Augen mussten ihm entfernt werden und er bekam Glasaugen.
Ich erinnere mich noch, es war zwei Tage vor Weihnachten. Wir mussten zur Kirche beichten und auf einmal stand mein Bruder dort mit einem Begleitsoldaten. Er war übersät von Pulverflecken und hatte einen Finger verloren. Und obwohl mein Bruder Franz blind war, bekam er immer die schönsten Frauen. Seine Ehefrau lernte er allerdings während einer Umschulung kennen.