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"Wir haben hier regelrechte Denkmäler der Orgelbaukunst erschaffen"
Pfarrer Clancett plaudert mit dem Top-Kurier über das UNESCO-Weltkulturerbe

"Wir haben hier regelrechte Denkmäler der Orgelbaukunst erschaffen": Pfarrer Clancett plaudert mit dem Top-Kurier über das UNESCO-Weltkulturerbe
Wilhelm Junker bei seiner Lieblingsbeschäftigung als Organist in Jüchen. FOTO: Foto: Wilhelm Junker
Jüchen. "Wir müssen in eigene Traditionen investieren. Es wurde immer wieder versucht die Orgel zu imitieren, aber es gibt kein Instrument und keinen Lautsprecher, der das Spektrum der Orgel wiedergeben kann", ist Pfarrer Ulrich Clancett überzeugt, "die Orgel ist die ständige Begleiterin bei allen möglichen Lebensabschnitten und gibt die Gefühle des Menschen wieder." Jetzt wurden der Orgelbau und die Orgelmusik zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt, ein Thema, das Pfarrer Clancett, aber auch Organist Wilhelm Junker sehr am Herzen liegt. Von Alina Gries

"Ich glaube, im Bewusstsein wird sich viel ändern, wie bedeutend der deutsche Orgelbau und die Orgelmusik sind", ist Pfarrer Ulrich Clancett überzeugt, "wir haben hier regelrechte Denkmäler der Orgelbaukunst erschaffen." Das größte Denkmal steht mit 39 Registern in der "St. Jakobus"-Kirche in Jüchen, das jüngste nach der Umsiedlung in der "St. Simon und Judas Thaddäus"-Kapelle in Otzenrath und in Kelzenberg gibt es aus Platzmangel gar keine Orgel mehr. "Ich bin sehr froh, dass wir in der GdG Jüchen eine ausgesprochen vielfältige ,Orgellandschaft' haben, zu der auch die Instrumente in den evangelischen Kirchen gehören", findet Organist Wilhelm Junker, "und jedes dieser Instrumente wird den jeweiligen Räumlichkeiten gut gerecht und hat seinen eigenen Charakter. Dass dazu auch historische Instrumente wie in Neuenhoven oder Gierath gehören, ist ein besonderer Glücksfall."

Denn in Neuenhoven steht eine Orgel des Orgelbauers Daniel Schauten, der 1729 mit einer Orgelbau-Werkstatt in Jüchen ansässig wurde. "Möglicherweise hat es eine Verbindung zu Schloss Dyck gegeben, in dessen Kapelle die Orgel zuerst stand", weiß Clancett, "denn merkwürdigerweise hatte Schauten keinen Kontakt zur Jüchener Kirchengemeinde." Die Orgel-Baukünste der Familie Schauten endeten im 19. Jahrhundert.

"Das lag vermutlich auch daran, dass es eine Marktsättigung gab und die Schautens einfach mit der galoppierenden Entwicklung in Richtung der Elektrik im Orgelbau nicht mehr mithalten konnten", fachsimpelt Clancett weiter. So kostet heutzutage ein Orgel-Register etwa 20.000 Euro. "Danach widmete sich die Familie zunächst dem Klavierbau, dann dem Holzhandel und später der Landwirtschaft", weiß er, "ihr Anwesen, ein Bauernhof, ist noch heute an der Weyerstraße aufzufinden. Mit Maria Schauten lebt sogar noch eine Nachfahrin."

Und auch in Gierath steht ein historisches Schätzchen. "Es ist eine Schorn-Orgel und sehr schwer zu spielen", erklärt Clancett. Er selbst könne aber gar keine Orgel spielen. "Ich kann sie auf- und abbauen, aber nicht spielen", lacht er. "Wenn jemand Klavier oder Keyboard spielt, beherrscht er die Orgel zwar von der Mechanik her, aber bei der Orgel spielt man mit Händen und Füßen auf mehreren Klavieren, die übereinander liegen. Man muss mit dem System vertraut sein."

Etwas, das Organist Wilhelm Junker beherrscht. "Die 1985 fertiggestellte Orgel in Hochneukirch ist ein sehr gelungenes Instrument, das für mich persönlich eine besondere Bedeutung hat: nicht zuletzt wegen ihr bin ich nach meinem Studium überhaupt hier gelandet", verrät er.

Aber auch die Orgel in Jüchen lobt er. "Ebenso ist es glücklich, wie sich die Jüchener Orgel in den Raum einfügt, hat sie doch schon eine bewegte Geschichte hinter sich und ist ursprünglich gar nicht für diesen Raum geplant gewesen." So hat die Orgel in der Jakobuskirche in Jüchen ihren Platz erst vor neun Jahren gefunden. "In Mönchengladbach-Pesch gab es eine Pfarrkirche, die nie wirklich fertig gebaut wurde", erzählt Ulrich Clancett, "nach gut sieben Jahrzehnten hatte sie ihren Dienst getan und wurde in eine Wohnkirche umgewandelt."

Das Besondere der dort befindlichen Orgel: Es wurden Register einer noch älteren Orgel aus Odenkirchen verarbeitet, sodass manche Pfeifen aus dem Jahre 1912 stammen. "Das ist nichts außergewöhnliches, dass Pfeifen wiederverwertet werden", erklärt Clancett weiter.

Es ist somit die vierte Orgel, die in der Jakobuskirche steht. "Die erste Orgel wurde unbekannterweise 1889 aufgebaut", erinnert sich Clancett, der die Geschichte der Orgeln recherchiert und zusammengefasst hat.

"Ich erinnere mich noch daran, dass wir 1999 versucht haben eine Orgel aus Leipzig zu bekommen", schmunzelt Clancett, "diese wurde 1970 dort im Staatsauftrag gebaut. Weil sie nicht in die Ideologie passte, wurde in Leipzig die historische Universitätskirche, ein absolutes Meisterwerk der Gotik gesprengt. Um die Christen dort zu beruhigen, wurde ihnen eine neue Orgel geschenkt. Diese sollte 1999 durch ein Nachfolgewerk ersetzt werden und stand somit zum Verkauf. Wir sind dann also vor 18 Jahren bei einer Nacht- und Nebel-Aktion morgens nach Leipzig geflogen und abends wieder zurück."

Letzten Endes war die Kirchengemeinde Jüchen aber nicht die einzige Bewerberin, sodass die Orgel schließlich an die evangelische Mariendomgemeinde zu Fürstenwalde ging. "Es war für mich schon ein absoluter Skandal, weil Fürstenwalde die Orgel bis auf das Pfeifenwerk verschrotteten, um daraus eine neue und größere Orgel anzufertigen", schüttelt Clancett verständnislos den Kopf, "die Verhandlungen für Jüchen sind letztlich an Ost und West sowie katholisch und evangelisch gescheitert."

Jetzt wird sich allerdings an den vielen Orgeln in der Gemeinde vorerst nichts mehr ändern, außer der Blickwinkel darauf.

"Dass der deutsche Orgelbau zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt worden ist, freut mich, und ich finde es auch gerechtfertigt", berichtet Wilhelm Junker, "für die breite Öffentlichkeit spielt sich dieser Bereich zwar eher im verborgenen ab, doch mit den Ergebnissen dieser Handwerkskunst hat sicher jeder schon mal zu tun gehabt. Und da gerade in Deutschland in diesem Bereich ein ausgesprochen hohes Niveau gepflegt wird, ist es durchaus angemessen, dies auch öffentlich zu würdigen."

Alina Gries

(Kurier-Verlag)