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Von der Gemeinde bis nach China
Ritz und seine gurrenden Haustiere

Ritz und seine gurrenden Haustiere
FOTO: Julius Berg
Jüchen. Sie gurren, flattern und machen nur Dreck – das ist der Eindruck, den viele Menschen von den vermeintlich hässlichen grauen Viechern haben. Daher werden Tauben auch "die Ratten der Lüfte" genannt. Steht das Vogelhäuschen werden sie deshalb auch verscheucht – schließlich will man nur Spatzen und Meisen im Garten zwitschern hören. Taubenzüchter Heinz Willi Ritz sieht das anders. Er hat seine 100 Brieftauben zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Von Alina Gries

"17 meiner Tauben wurden bisher von Raubvögeln gepackt", erzählt Ritz und senkt seine Stimme, "bei den Wettkämpfen ist es vor allem ärgerlich, weil die Raubvögel nicht bei einem Schwarm zuschlagen – wohl aber die schnellste Reisetaube angreifen, die vorne vorweg fliegt." Die Angriffe seien im Gegensatz zu früher gestiegen. Das einzige, worum er sich keine Sorgen machen müsse, sei die Vogelgrippe. "Brieftauben sind dagegen immun und können sich gar nicht anstecken", weiß Ritz.

Ein Haus für Tauben bei Heinz Willi Ritz im Garten. Dabei dürfen die Tauben indem Raum frei fliegen und dabei sogar Radio hören. Vielleicht umfliegen sie deshalb immer die A46. FOTO: Foto: Alina Gries

Ab April nimmt der 77-Jährige wieder regelmäßig an Wettbewerben teil. "40 meiner 100 Brieftauben bringe ich zu einer Einsatzstelle nach Grevenbroich", berichtet der Jüchener, "von da aus werden sie mit einem Kabinenexpress nach Südfrankreich geschickt und müssen zu mir zurück fliegen." Dabei wird die Distanz immer wieder gesteigert. "Es ist faszinierend, dass sie immer nach Hause finden", so Ritz, "sie haben ein Navigationssystem im Kopf und wissen wohin sie müssen."

FOTO: Alina Gries

70 Kilometer pro Stunde können die Brieftauben dabei zurücklegen – für die Wettkämpfe benötigen sie etwa fünf Stunde bis nach Hause. Bei gutem Rückenwind sogar nur drei. "Jedes Jahr ist eine andere Taube die schnellste", erklärt Heinz Willi Ritz. Und obwohl er nur noch einer von vier Taubenzüchtern aus der Umgebung ist, geht er seinem Hobby nun schon seit 60 Jahren nach. "Wo Tauben waren, war ich auch", berichtet der 77-Jährige. Schon als Kind hat ihn sein Vater von dem gurrenden Hobby überzeugt – seinen eigenen Sohn konnte Ritz allerdings nicht überzeugen. "Früher hatte jeder Bauer Tauben", sagt Ritz.

Auch Reporterin Alina Gries hat sich an die Tauben heran getraut. FOTO: Julius Berg

Seine Ehefrau hat die Leidenschaft ihres Mannes von Beginn an akzeptiert. "Für mich war es Neuland, aber ich habe es ihm gegönnt", berichtet Ingeburg Ritz, "er hat sich um die Tauben gekümmert – ich mich um die Kinder." Um mit Reisetauben erfolgreich zu sein, muss man ihnen auch Zuneigung zeigen. "Ich nehme meine Tauben sogar manchmal in den Arm," verrät Ritz.

Zudem kann er jede seiner Tauben unterscheiden und erkennt sie schon aus dem Anflug. Jedoch musste er aus Altersgründen seine leibeigenen Haustiere von 300 auf 100 reduzieren.

Um sie für die Wettkämpfe fit zu halten, absolvieren sie montags bis donnerstags immer ein Flugtraining. Fällt Ritz ein Weibchen und Männchen auf, dass beim Training besonders gute Leistung zeigt, paart er sie und hofft auf einen Erfolg bei der Jungtaube. Und diese Leistungen sind sogar schon bis nach China und Taiwan durchgedrungen.

"Der Kontakt ist dadurch entstanden, dass sich meine Zucht herumgesprochen hat", erzählt Ritz.

Denn dort ist der Umgang mit Taubenzucht und Wettbewerben ein ganz anderer. Er selber hat dort an keinen Wettkämpfen teilgenommen, jedoch die Gastfreundschaft sehr genossen. "Heute kommen noch viele Anfragen über das Internet", verrät Heinz Willi Ritz, "dann werde ich beispielsweise gefragt, was für Wundermittel ich meinen Tauben gebe."

Doch das einzige Wundermittel, das er seinen Tauben all die Jahre mitgibt, ist Liebe und Zuneigung – und das ist vermutlich auch das, was ihn so erfolgreich macht.

Alina Gries

(Kurier-Verlag)