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Frauenpower im Osten:
So lernen Flüchtlinge deutsch

Frauenpower im Osten:: So lernen Flüchtlinge deutsch
Nadia Selent am Kalksandsteingebirge in der sächsischen Schweiz – ganz in der Nähe von Dresden. FOTO: Fotos (2): privat
Gierath. 174 Neuzuweisungen gab es im vergangenen Jahr in Jüchen - 1.839 Personen in der Stadt Dresden. Die Gieratherin Nadia Selent studiert seit etwa einem Jahr dort und gibt neben ihrem Studium Flüchtlingskindern Nachhilfe. Von Alina Gries

"Meine erste Unterrichtsstunde war katastrophal – wir haben uns überhaupt nicht verstanden und ich dachte, dass das alles gar nichts bringen wird", berichtet die 26-Jährige, "aber irgendwie findet man einen Weg, sich zu verstehen und sieht wie man Schritt für Schritt weiterkommt – es ist eine schöne Herausforderung." Für den Psychologie-Master mit dem Schwerpunkt Human Performance ist Nadia Selent nach Dresden gezogen – nebenbei arbeitet sie als Tutorin an der Universität und gibt Flüchtlingen Deutschunterricht.

"Ich wollte mich nicht nur mit der Thematik auseinandersetzen, sondern mich auch aktiv daran beteiligen – das Angebot in Dresden ist sehr groß und vielfältig", erzählt die Studentin. Dabei ist sie dann auf die sogenannten "ABC-Tische" gestoßen. "Sie dienen dazu, Menschen bei den ersten Schritten des Erlernens der deutschen Sprache zu unterstützen", erklärt Nadia Selent, "die ABC-Tische geben mir die Möglichkeit, ohne viel ,Know-How' meinen Beitrag zu leisten." Die ABC-Tische sind vom Deutschen Roten Kreuz organisiert. "Natürlich ist das kein didaktisch sinnvoll geplanter Unterricht, das ist auch gar nicht möglich und mir persönlich auch überhaupt nicht wichtig", sagt Selent, "es geht schließlich nur um die ersten Schritte und dem ,sich vertraut machen' mit einer Sprache, die sehr komplex ist. Oft wird dann gemalt oder mit Zeichensprache und viel Lachen kommuniziert." Bei so vielen unterschiedlichen Herkunftsländern ist das allerdings gar nicht so einfach. Es entspricht eben nicht einer typischen Nachhilfestunde für Schüler mit Schwachstellen in Mathematik oder einem anderen Fach. "Ich denke das Besondere an den ABC-Tischen ist, dass man sich auf einer Ebene begegnet. Sie sprechen meine Sprache nicht, ich nicht ihre. Wir haben beide Probleme, mit dem anderen zu sprechen. Man entwickelt eine eigene Art der Kommunikation und schafft es, dem anderen etwas beizubringen. Ich habe auch durch die wenigen Male, die ich unterrichtet habe, viel gelernt und Bruchteile unterschiedlicher Sprachen gelernt", meint die Gieratherin. Dabei besteht eine Lerngruppe aus etwa zwei bis drei Flüchtlingen – alles nur Frauen. "Wir sammeln die Schülerinnen in der Erstunterkunft ein", beschreibt Nadia Selent ihre Tätigkeit, "es kann sein, dass ich eine Woche ein Mädchen unterrichte, sie aber die Woche darauf schon gar nicht mehr in der Unterkunft untergebracht ist." Von der Arbeit nimmt sie aber auch viel für sich selber mit und möchte auch weiterhin, soweit es die Zeit neben dem Studium zulässt, die ABC-Tische mitgestalten.

Alina Gries

(Kurier-Verlag)