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Menschen in Jüchen
Vom Soldaten zum Küster: Wenn Waffen zu Kerzen werden

Vom Soldaten zum Küster: Wenn Waffen zu Kerzen werden
FOTO: Alina Gries
Jüchen. Vom Gebirgsjäger und Panzergrenadier in München, zur Ansprechstelle für die Generäle und schließlich Personalratsvorsitzenden einer höheren Kommandobehörde in Bonn als Oberstabsfeldwebel in den Ruhestand. Und nun seit mehr als einem Jahr Küster in der katholischen Kirche "St. Jakobus" in Jüchen. Waffen und Munition tauschte er gegen Kerzen und das Gebetsbuch. 33 Jahre hat Dirk Wendland der deutschen Bundeswehr gedient. Reporterin Alina Gries hat mit ihm darüber gesprochen, wie es war in der Bundeswehr und in Einsätzen zu dienen und wie man da den Glauben zu Gott nicht verliert.

 

Wann kam für Sie der Zeitpunkt, an dem Sie entschieden haben, Soldat zu werden?

Ich war 18, mein Vater früh verstorben und ich wohl in meiner Sturm und Drang-Phase. Entweder wollte ich  Polizist werden oder bei der Bundeswehr arbeiten. Die anderen haben laut über mich gelacht. Dann habe ich mich in München beworben und wurde als Soldat auf Zeit genommen. Nach fünf Jahren Dienst bin ich dann schon zum Berufssoldaten übernommen worden.

In Filmen werden die Einsätze der Bundeswehr sehr dramatisch dargestellt. Wie sieht die Wirklichkeit aus?

Das ist oftmals gar nicht greifbar mit Filmen, was man dort erlebt. Besonders geprägt hat mich dabei das offene Miteinander unter den Kameraden und das "Füreinander einstehen" über alle Grenzen hinweg. Kameradschaft - das gibt es in keinem anderen Job.

Wo hatten Sie den Ihre Einsätze?

Ich war für ein halbes Jahr im Kosovo und Mazedonien eingesetzt, habe es aber einigermaßen gut überstanden. Afghanistan ist mir zum Glück erspart geblieben. Mein Einsatz war nicht so schlimm, wie der, was dann für die Kameraden in Afghanistan gefolgt ist.

Wie hat sich Ihre Zeit als Soldat auf Ihre Familie ausgewirkt?

Meine Ehefrau und mein Sohn haben stets sehr eng zu mir gestanden. Wirklich prägend und erfrischend war die Zeit im HQ in Mönchengladbach. Das war nationenübergreifend und ich habe weit über meinen Tellerrand hinweg geschaut.

Wie verliert man bei solch – manchmal schrecklich prägenden Bildern - nicht den Glauben zu Gott?

Wir sind Soldaten einer freiheitlich und demokratisch geprägten Grundordnung – eines  Rechtsstaates und schützen diesen, im Zweifel, vor Aggressionen von außen. Ich war immer katholisch und mein Glaube war immer da wenn auch vielleicht ein wenig "eingeschlafen". Durch die Erstkommunion meines Sohnes habe ich den Bezug zum aktiven Glauben in der Kirche dann intensiv wiedergefunden. Nicht ganz unschuldig daran war sicherlich auch die tolle Kirche hier vor Ort mit Pfarrer Uli Clancett.

Wann haben Sie sich dazu entschieden bei der Bundewehr aufzuhören und der Tätigkeit als Küster nachzugehen?

An meiner letzten Station in Bonn gab es die Möglichkeit für mich in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen, weil es einfach zu viele "alte" Soldaten gegeben haben soll. Auf die Stelle des Küsters, oder "Spieß oder Zeremonienmeisters", wie ich es einmal liebevoll nennen möchte, bin ich im Kirchenvorstand aufmerksam geworden. So hatte dies vorher 22 Jahre lang Brigitte Schmitz gemacht. Ausgebildet wurde ich dann durch das Bistum Aachen sowie durch meine Vorgängerin im Amt.

Was genau sind Ihre Aufgaben als "Mädchen für alles"?

Die Pfarrer sind für die Durchführung und den liturgischen Inhalt der Messen verantwortlich, ich für die Vorbereitung der Kirche zur Durchführung von Messen, als da sind z.B. die liturgische Gewänder und Geräte bereithalten, Beleuchtung und Kerzen für  die Kirche, Steuerung der Heizungsanlage und des Läutewerks, Sauberkeit und Ordnung in der Kirche und Sakristei und und und….

Was läuft Ihrer Meinung nach bei der Bundeswehr falsch?

Die Bundeswehr spart sich kaputt. Es gibt zu wenig Personal und Material um die Aufgaben, die von der Bundesehr gefordert werden, zu erfüllen. Das größte Problem ist das die Ausrüstung und das Personal zurückgefahren werden bzw. veralten, Begründung hierbei ist immer wieder das Geld. Aber eine Armee leistet man sich oder nicht – dazwischen gibt es nichts für mich. Eine Armee führe und steuere ich nicht wie ein Unternehmen – das meinen aber immer mehr Politiker. Im Moment haben wir  eine sehr unruhige Phase, es ist nicht so wie früher vor  der Wiedervereinigung. Der Kalte Krieg war zwar "kalt" aber doch sehr beständig und berechenbar! Das Problem unserer der heutigen Gesellschaft ist, dass sich bald ein Jeder nur mehr selbstverwirklichen möchte und manchmal nicht erkennt, dass es auch Sinn macht, mal etwas zu geben.
Ich würde mir wünschen, dass hier ein Umdenken einsetzt.
Mein Sohn ist im Übrigen  derzeit Offiziersanwärter bei der Bundeswehr und versucht hier sein Glück. Ich wünsche ihm dabei das Allerbeste