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Tihange: Im Ernstfall muss es mit Jod-Pillen schnell gehen!

Tihange: Im Ernstfall muss es mit Jod-Pillen schnell gehen!
Professor Freudenberg referierte vor Jüchens Politikern.
Jüchen. Knapp 140 Kilometer trennen unsere Region vom Pannen-Atomkraftwerk Tihange in Belgien. Würde es zu einem Unfall kommen, lägen die Region zwar nicht in der Zentral-, Mittel- oder Außenzone, eine Verteilung von Jodtabletten an Schwangere und Jugendliche unter 18 Jahren sei aber vorgesehen, um eine Jodblockade zu erzeugen. Anlässlich der geplanten Verteilung dieser Tabletten an die Kommunen Ende Februar, referierte Professor Lutz Freudenberg, Grevenbroicher Nuklearmediziner, über die Jodblockade der Schilddrüse bei kerntechnischen Unfällen im Jüchener Umwelt- und Verkehrsausschuss. Von Alina Gries

„4.000 Jugendliche im Alter von null bis 18 Jahren leben in etwa in der Gemeinde. Hinzukommen Schwangere und Stillende“, sagt Bürgermeister Harald Zillikens, „wir bekommen aber nur 4.000 Blister zur Verfügung gestellt.“ Die Sorge über die Entscheidung im Fall eines atomaren Unfalls in Tihange ist ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Eine Vorverteilung sei nicht erlaubt und das, obwohl gerade das Zeitfenster entscheidend ist. „Wird das Jod binnen 48 Stunden vor der Exposition eingenommen, entsteht eine Jodblockade“, erklärt Nuklearmediziner Freudenberg, „zwei Stunden danach, wirkt die Blockade nur noch 80 Prozent. Nach acht Stunden etwa 40 Prozent und danach kann man es auch eigentlich sein lassen.“ Dabei ist die sogenannte Jodblockade wichtig, um erhebliche gesundheitliche Schäden vorzubeugen. „In Deutschland herrscht, anders als in den USA, weil dort beispielsweise das Trinkwasser jodiert ist, ein Jodmangel. Deshalb leiden viele bereits an einer Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion“, so Freudenberg, „das Problem bei einem kerntechnischen Unfall ist, dass neben der äußeren Strahlung und weiteren Faktoren radioaktives Jod freigesetzt und wie normales aufgenommen wird.“ Bei Kindern und Jugendlichen häufen sich bösartigen Erkrankungen. Die Wahrscheinlichkeit eines Krebsgeschwulst steige um das 100-fache. „Durch die Jodblockade würde so viel Jod aufgenommen werden, dass das radioaktive Jod in der Unterzahl ist und blockiert wird“, meint Freudenberg. Neugeborenen bis zu einem Monat müssen mit einem Viertel Kaliumiodid versorgt werden. Kinder bis drei Jahre mit einer halben Tablette. Jugendliche bis zwölf Jahren mit einer ganzen und Erwachsene bis 45 Jahre sowie Schwangere mit zwei Tabletten. Personen über 45 Jahren wird von einer Prophylaxe abgeraten. „Das Risiko von Knoten ist deutlich größer als ein Karzinom der Schilddrüse“, so Freudenberg, „je älter man wird, desto mehr Knoten werden produziert. Das Alter entspricht dabei in etwa dem Prozentsatz.“ Daher appelliert er vor allem Kinder und Jugendliche zu schützen. Bürgermeister Harald Zillikens möchte in diesem Thema weiter aktiv werden und wird die Verteilung der Jodtabletten am 2. März in der Rechts- und Sozialausschusssitzung um 18 Uhr im Sitzungssaal des Rathauses erneut aufgreifen. „Wir haben bereits überlegt, dass wir drei Hauptstellen für die Verteilung einrichten und dies nicht über beispielsweise die Feuerwehr machen, da diese eventuell selbst im Einsatz sein wird“, so Zillikens. Die Hauptstellen würden zu gegebener Zeit dann in Hochneukirch, Jüchen und Gierath in den Sporthallen eingerichtet werden.

Alina Gries

(Kurier-Verlag)