On air aus Grevenbroich Ein Song - Drei Gedanken und über eine Million Menschen hören zu

Kennen Sie das? Sie hören einen Song im Radio, den Sie das letzte Mal vielleicht vor 20 oder 30 Jahren gehört haben und Sie können ihn immer noch mitsingen? Jede einzelne Zeile. Und Sie fühlen in diesem Moment exakt das Gleiche, was sie damals gefühlt haben, als Sie den Song zum ersten Mal gehört haben. Erinnern sich vielleicht sogar, wo genau Sie ihn damals gehört haben? Genau das ist es, was Musik ausmacht.

Christoph Borries in seinem „Studio“.

Foto: Christoph Borries

Sie verbindet unseren Verstand mit unseren Emotionen; weckt Erinnerungen, bringt uns zum Nachdenken, hilft uns in den unterschiedlichsten Alltags-Situationen, macht uns stark, lässt uns ausgelassen feiern, hilft uns, wenn wir traurig sind, und verbindet Menschen mit Menschen. Musik ist die universelle Sprache.

Im Podcast „7 Tage 1 Song“ von Pfarrer Christoph Borries aus Grevenbroich ist sie der Türöffner zu seiner Gedankenwelt und den Gedanken seiner Interviewpartner, wenn sie den von ihm ausgesuchten Song hören. Entweder haben sie ihn selbst geschrieben oder gesungen oder haben in einem anderen Kontext eine Verbindung zu ihm. Nicht immer spielt der christliche Gedanke oder die Religion eine Rolle dabei, aber der Gedanke an den Glauben in Form von Orientierung und der eigenen Haltung.

„Der Ursprungsgedanke, einen Podcast zu machen, kam mir damals während der Pandemie im ersten Lockdown“, erinnert er sich im Gespräch mit uns. Christoph Borries ist nämlich Berufsschul-Pfarrer am Berufskolleg in Grevenbroich (BBZ), gleichzeitig aber auch fachberatender Seelsorger. „Ich begleite also Feuerwehrmänner und Feuerwehrfrauen nach belastenden Situationen im Job - frei nach dem Motto ‚Reden hilft‘.“

Um also den Kontakt zu seinen Schülerinnen und Schülern während der ersten Phase der Corona-Pandemie nicht zu verlieren, hob er seinen Podcast aus der Taufe. „Die Jugendlichen wurden damals in einer Krisen-Situation komplett alleine gelassen. Die durften sich ja während des ersten Lockdowns noch nicht mal auf einer Parkbank treffen“, sagt Christoph Borries. „Das war schlimm.“ Mit seinem Podcast wollte er seinen Schülern durch diese schwere Zeit hindurch helfen, den Kontakt halten, Gedanken und Gefühle teilen. „Ich hatte von der ganzen Technik, die die Erstellung eines solchen Podcasts mit sich bringt, keinen Schimmer. Mein Sohn hat mir da in der Anfangsphase sehr geholfen“, schmunzelt er. Dabei beschränkt er sich auf einfache Mittel. Es gibt noch nicht mal ein Studio, in das er seine Podcast-Gäste einlädt. Alles entsteht am heimischen Rechner und mittels Audiofiles seiner Interviewpartner. „Manchmal treffe ich mich auch mit dem ein oder anderem zum Gespräch, aber das ist eher die Ausnahme.“

332 Folgen sind in den letzten fünf Jahren erschienen. Und bereits seit der ersten Folge hat „7 Tage 1 Song“ eine große und stetig wachsende Hörerschaft. „Anfangs dachte ich, naja, wenn vielleicht so viele Menschen bei mir Einschalten wie in eine Kirche passen - also so rund 200 Leute - dann bin ich schon glücklich. Doch es waren direkt 1000 Menschen, die den Podcast anklickten, und mittlerweile zählt er bei einem namhaften Streaming-Anbieter zu den „Top 5“ im Bereich der christlichen Podcasts und hat seit Folge 1 bis heute über eine Million Aufrufe.

Und warum der Titel „7 Tage 1 Song“? „In jeder Podcast-Folge konzentrieren mein Gesprächspartner und ich uns auf einen Song und teilen unsere drei Gedanken dazu. Es geht aber auch darum, zu beobachten, was es mit einem macht, wenn man sieben Tage hintereinander denselben Song hört. Was löst er in mir aus? Welche Gedanken habe ich dazu? Verändert er meine Einstellung? Wie beeinflusst er mich?“, sagt Christoph Borries.

Sowohl die Songs als auch die Themen sind bei Podcast-Macher Borries so vielfältig wie das Leben selbst. In seiner jüngsten Folge 332, die am vergangenen Dienstag online ging, geht es um das Gefühl des fremdgesteuert seins und das eigene Festklammern ans bekannte Hamsterrad. Der Gedankenaustausch findet mit der Schauspielerin und Sängerin Iris Mareike Steen zu ihrem eigenen Song „Haltlos“ statt. Folge 331 beschäftigt sich mit der schuleigenen Ausstellung am BBZ in Grevenbroich unter dem Titel „Klang meines Körpers“ und dem passenden Song der bekannten Pop-Künstlerin Shirin David „Du bist gut genug“, in dem ihre verletzliche Seite zum Vorschein kommt. Hier tauscht sich Christoph Borries mit einer Kollegin aus und teilt Gedanken über die echte und die inszenierte Shirin David und dem Körperdruck im Wandel der Zeiten von der Sissi-Ära bis zum heutigen Social Media-Zeitalter.

Und wie wählt Christoph Borries seine Songs und Gesprächspartner aus? „Wenn ich in einer besonderen Situation bin, fällt mir fast immer der passende Song dazu ein oder aber auch nur eine einzelne Liedzeile und so ist es auch bei der Auswahl meiner Songs für den Podcast, sie berühren mich auf die eine oder andere Weise und bringen mich zum Nachdenken. Ein Beispiel: Es gibt den Song ‚Auch für mich 6. Stunde‘ von der Band Kettcar. Aktuell befinden wir uns in einer Art „Dauer-Krise“ - Corona, Ukraine-Krieg, Trump und so weiter - wir sind müde, wissen nicht wie lange wir das noch alles durchhalten. Ich kenne das auch als Lehrer, wenn ich zu meinen Schülern sage, okay, es ist schon spät, es ist auch für mich die sechste Stunde, aber wir können jetzt nicht einfach nach Hause gehen, wir müssen uns jetzt noch einen Moment zusammenreißen und die Stunde hinter uns bringen. Dieses Durchhalten und Zusammenreißen können wir auch auf unsere Dauer-Krisensituation beziehen. Musik kann auch Mut machen und einem zum Durchhalten verhelfen.“

Die nächste Podcast-Folge von „7 Tage 1 Song“ wird am 21. Juli ausgestrahlt und widmet sich dem Song von The Fray „How to Save A Life“. Zu Gast ist Buchautor Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger (“Vielleicht im Sommer“, erschienen im Piper-Verlag).

Weitere Folgen sind:
Am 28. Juli geht es um die beiden Autoren Jana Solvejg und Uwe Lerch, die das Buch „Amplify Your Life“ geschrieben haben und sich hier unter anderem der Frage widmen, was hat Heavy Metal mit Resilienz zu tun?

Am 4. August teilt Stefan Brings seine Gedanken zu seinem Song „Loss dir nix gefalle“, in dem es um seine Mutter geht.

Wer einmal bei „7 Tage 1 Song“ reinhören möchte, kann dies unter anderem bei Spotify und Apple Podcast tun.

Nicole Palmieri