Für Autorin Ina Broich sind ihre Texte das Leben in schwierigen Zeiten „Mein Kopf ist so voll“

Kapellen · „Explodiert ist das alles im Jahr 2016“, erzählt Ina Broich beim Kaffee in ihrem Haus in Kapellen. Was sie beschreibt, ist der eigentliche Beginn ihrer Karriere als Roman-Autorin, Poetry-Slammerin, Lektorin, Schreiblehrerin.

Ina Broich, Kapellener Autorin, Poetry-Slammerin und Text-Expertin, mit einem Teil Ihrer veröffentlichten Bücher – es sind insgesamt neun Romane und sieben Anthologien.

Ina Broich, Kapellener Autorin, Poetry-Slammerin und Text-Expertin, mit einem Teil Ihrer veröffentlichten Bücher – es sind insgesamt neun Romane und sieben Anthologien.

Foto: KV./Stefan Pucks

Für die im Sauerland geborene Frau („Wir sind damals aber schnell weg nach Neuss gezogen“) sind fortan ihre Texte das Leben – und vom eigenen Erleben bestimmt. Und das besonders nachdrücklich durch die Vorkommnisse in Südafrika…

Ein Austauschjahr in der elften Klasse führt Ina Broich erstmals in das vielschichtige Land am Kap. Sie lernt Südafrika auf folgenden Besuchen immer näher kennen; die Hochzeitsreise mit ihrem Mann Boris folgt. 2004 beschließt man, mit dem acht Monate alten Sohn ganz dort zu leben. „Es ist so ein großartiges Land“, sagt Ina Broich noch immer, doch vier Jahre später wird es zum Albtraum.

Boris Broich wird im Rahmen einer Probefahrt mit seinem Auto, dass er verkaufen will, von zwei Männern entführt. Hintergrund ist offenbar, dass eine Gang aus dem illegalen Diamantenhandel einen Fahrer braucht. Broich kann in einem unbewachten Moment fliehen, doch die Familie ist nicht mehr sicher. „24 Stunden später waren meine Frau und mein Kind am Flughafen Kapstadt, bloß weg von dort“, erzählt Boris Broich. Er folgt eine „angstvolle“ (Ina Broich) Woche später. Es ist eine Flucht! Und diese bricht Brücken ab: „Wir mussten dort unsere Freunde, unsere Hunde zurücklassen. Mein Klavier“, so die ausgebildete Sängerin, „blieb dort. Vieles mehr ging verloren.“

Mit Verzögerung, etwa acht Jahre später, mündet der damalige Verlust „in eine traurige Phase“. Ina Broich erkrankt zu diesem Zeitpunkt zudem schwer, der „extrovertierte Mensch, die Künstlerin durch und durch“, wie sie sich bezeichnet, zieht sich komplett zurück. Dann meldet sie ihr Mann bei einem Poetry-Slam-Wettbewerb in Mönchengladbach an, auch, „weil sie stimmlich ausgebildet war“, wie er erzählt. Der entscheidende Impuls. „Ich bin da sofort aufgetreten und habe dann gedacht – wenn du das kannst, kannst du auch mehr!“

Sie startet mit einer Anthologie (Textsammlung), in der sie ihre Poetry-Slam-Beiträge verschriftlicht, schreibt Gedichte und veröffentlicht das Kinderbuch „Die Plitsch“. Die „großartige Zusammenarbeit“ mit der damaligen Illustratorin ihrer Figuren und Geschichten begeistert sie noch heute. „Sie hat sie visuell wirklich so umgesetzt, wie sie zuvor in meinem Kopf entstanden waren.“ Und sie merkt schnell – „da muss noch viel mehr raus, mein Kopf ist so voll!“

Ina Broich schreibt und schreibt. An der Küchenwand hängen Zertifikate über die Teilnahme am „National Novel Writing Month“, einem jährlich stattfindenden internationalen Event, in dessen Rahmen sich Autoren verbinden, Erfahrungen austauschen und vor allem 50.000 Worte in 30 Tagen und eine eigene Erzählung schreiben. Die Vorgehensweise liegt ihr. „Ich plane etwas und lege los, eine Struktur-Schreiberin bin ich nicht, agiere eher aus dem Herzen!“

Sie legt den ersten Teil eines Fantasy-Romans auf, zwei weitere sollen folgen, lässt ihre Afrika-Erlebnisse in einem Roman über das Schicksal eines Jungen in Südafrika einfließen, interviewt eine Reihe von Verbrennungsopfern, an die sie über den Verein „Phönix“ herantreten kann, was zu ihren jüngsten Liebes-Roman „Ich träumte von Wellen“ führt. Denn: „Ich halte sehr viel davon, die eigene Nase in die Dinge hereingehalten zu haben, über die ich dann schreibe.“ Im Fall von „Ich träumte von Wellen“ geht das rasant – sie bringt die Erzählung, rund 65.000 Worte, in 13 Tagen aufs Papier.

Sie will grundsätzlich gesellschaftskritisch sein, wachrütteln, schwierige Themen ins Auge fassen, Menschen in den Fokus nehmen, die dort in der Regel nicht zu finden sind. Sie schreibt Kurzgeschichten, weitere Gedichte. Aber sie hält bisweilen auch inne, lässt angefangene Projekte ruhen, „auch, weil ich mich etwa von einer Figur entfernt habe“, nimmt aber wieder auf, bricht dennoch auch mal ganz ab.

Doch Prosa und Lyrik sind nicht alles. Sie arbeitet als Text-Expertin, gibt deutschlandweit online Unterricht im Schreiben, macht Gedichtübungen, betreut eine angehende Kinderbuchautorin. Auch im persönlichen Umfeld ist sie rege, bringt zusammen mit einer Mitstreiterin eine Textsammlung von ansässigen Hobbyautoren, „Neuss: literarisch“, heraus. Sie leitet seit zehn Jahren den Neusser Autorenkreis, ebenfalls ein Treff von vornehmlich Hobbyschriftstellenden. Einmal im Monat gibt es dort eine Lesung, Texte werden besprochen, Feedback gegeben. Es geht um Charakterbildung von Figuren, Erzähltechniken, Stilistik oder das Gefühl fürs Schreiben. Sie unterstützt zudem angehende Poetry-Slammer, gibt entsprechende Kurse in Schulen, wie etwa am 12. Dezember in der Waldorf-Schule in Mönchengladbach.

In Grevenbroich ist die Familie nach zwölf Jahren heimisch geworden. „Es war seinerzeit unser damals so wichtiger Ruhepol und ist es auch geblieben. Wir sind hier inzwischen schon verwurzelt“, sagt Ina Broich, „auch wenn wir noch immer als Neu-Kapellener angesehen werden“, wie sie lächelnd ergänzt. „Hier haben wir Freunde, die Kinder sind zur Grundschule gegangen, der Sohn aufs Gymnasium.“ Die Autorin träumt davon, einen ihrer zukünftigen Romane in Grevenbroich spielen zu lassen. Sie hat sich noch nicht entschieden: „Fantasy oder Krimi, hier bietet sich genug Stoff.“ Und wann? „Mal schauen, wir sind ja noch ein bisschen hier…“

(Stefan Pucks)