Frauenberatungsstelle für den Rhein-Kreis Neuss „Wir haben 365 Tage im Jahr Anfragen“

Rhein-Kreis Neuss · Am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November und dem Weltfrauentag am 8. März wird über Themen wie häusliche Gewalt gegen Frauen und deren Verhinderung umfangreich gesprochen. Themen, die längst der Vergangenheit angehören sollten und leider doch Alltag für viele Betroffene sind. Themen, über die auch abseits besagter Tage gesprochen werden sollte, um in der Gesellschaft ein Bewusstsein für ihre Ursachen und Folgen zu schaffen.

Das Team der Frauenberatungsstelle – Frauen helfen Frauen im Rhein-Kreis Neuss.

Foto: Frauenberatungsstelle

Genau da setzt die Frauenberatungsstelle unter Trägerschaft des Vereins „Frauen helfen Frauen“ im Rhein-Kreis Neuss an. Seit 1982 bietet das Team unabhängige psychologische und psychosoziale Beratung für Frauen und Mädchen ab 14 Jahren in Problem- und Notsituationen im gesamten Rhein-Kreis Neuss an. Das Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe.

Wie Kristina Schmeinck, Leitung und Geschäftsführung der Frauenberatungsstelle, erklärt, sind die Themen, mit denen Frauen zu ihnen kommen, vielfältig. Sie reichen von Trauerbewältigung bis hin zu Problemen mit dem Essverhalten. „Wir beraten zu allen Themen, die Frauen und Mädchen betreffen. Mit Ausnahme von Suchtproblematiken sowie Schwangerschaftskonfliktberatungen, weil wir da mit entsprechenden Profis im Rhein-Kreis Neuss gut aufgestellt sind“, erklärt Schmeinck.

Ein Schwerpunkt sei aber nach wie vor die Beratung zu Gewaltthemen, weiß die Leiterin. Von 931 Frauen und Mädchen (circa 30 davon aus Jüchen), die die Beratungsstelle 2025 einmal oder mehrfach aufsuchten, hat mehr als die Hälfte geschlechtsspezifische Gewalt erlebt (häusliche Gewalt: 491; sexualisierte Gewalt: 56). Zum nächstgrößeren Schwerpunkt gehören die Themen Trennung/Scheidung/Beziehungsprobleme mit 104 Betroffenen.

Kristina Schmeinck betont, dass das Team der Frauenberatungsstelle, das aktuell aus neun Frauen besteht, immer ein offenes Ohr habe – egal wie groß oder klein den Anfragenden ihr Anliegen auch vorkomme. „Wir sind parteilich. Wir glauben der Frau. Wir sind nicht dafür da, herauszufinden, ob das, was erzählt wird, die Wahrheit ist. Wir stehen hinter der Frau und unterstützen dabei, einen Weg zu finden, gestärkt aus der jeweiligen Krise herauszukommen.“ Und die Leiterin möchte allen die Angst nehmen, sich emotionale Unterstützung zu holen: „Es ist total mutig, zu sagen, ich muss durch diese Krise nicht alleine durch.“

Die Beratung sei dabei immer freiwillig, unabhängig von Konfession, Familienstand, Nationalität und geschlechtlicher Orientierung. Auch Transfrauen oder nonbinäre Personen, die sich der Frauenberatungsstelle zugehörig fühlen, seien immer willkommen. Und natürlich herrsche eine Schweigepflicht. Wichtig dabei: „Wir machen keine Therapie. Es ist eine psychosoziale Beratung. Alle unsere Mitarbeiterinnen sind Sozialpädagoginnen oder Sozialarbeiterinnen mit entsprechenden Zusatzqualifikationen wie beispielsweise einer Traumaweiterbildung oder einer systemischen Beratungsausbildung.“

Ihren Sitz hat die Frauenberatungsstelle in Neuss, Markt 1-7, und ist dort montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr sowie freitags von 9 bis 14 Uhr für Anfragen erreichbar. Aber es gibt auch drei Außenstellen in Grevenbroich, Dormagen und Meerbusch, die nach telefonischer Anmeldung wöchentlich oder zweiwöchentlich erreichbar sind. Während eine (anonyme) telefonische Beratung immer möglich sei, würden die meisten Hilfesuchenden jedoch eine Beratung in Präsenz in einer der Beratungsstellen bevorzugen.

Kristina Schmeinck erklärt den Ablauf nach der Kontaktaufnahme: „Es gibt immer ein Erstgespräch. Die Frau muss sich schließlich wohlfühlen und das Gefühl mit der Beraterin passen.“ Dann werde ein erster Beratungsblock mit fünf Terminen á 45 Minuten angeboten. Die Abstände seien dabei immer sehr individuell – mal wöchentlich, mal monatlich, mal nach Bedarf. Eine Erweiterung auf bis zu 20 Sitzungen ist möglich.

Ab kommendem Jahr soll das Angebot noch weiter ausgebaut werden. Derzeit macht Schmeinck nämlich eine Ausbildung zur psychosozialen Prozessbegleitung und kann künftig Opfer vor, während und nach Verhandlungen begleiten. „Ich würde beispielsweise über die Rahmenbedingungen – wie sieht ein Gericht aus, wer wird alles da sein, wo sitzt der Angeklagte et cetera – eines Prozesses informieren und begleitend zur Seite stehen“, so Schmeinck.

Die Frauenberatungsstelle bietet obendrein niederschwellige Angebote, in denen sich Frauen abseits der Beratung vernetzen oder informieren können, an. Da ist zum einen die Frauen-Können-Kunst-Gruppe unter Leitung von Künstlerin Maria Gilges, die einmal die Woche stattfindet. Zum anderen gibt es einmal im Monat einen Rechtsvortrag. Jutta Dubberke, Fachanwältin für Familienrecht und eine der Vorstandsfrauen des Trägervereins, bietet dieses rechtliche Informationsgespräch an und gibt einen Überblick darüber, was Frauen tun müssen, die sich scheiden lassen möchten.

Neben der Beratungstätigkeit gehört aber natürlich auch die Präventionsarbeit zu den Aufgaben der Frauenberatungsstelle. Informationsveranstaltungen und Workshops in Schulen, Aktionen zu den „Orange Days“, Plakataktionen – über das Jahr verteilt macht das Team auf seine Arbeit aufmerksam und gibt Frauen und Mädchen Informationen an die Hand, um Gewaltdynamiken zu verhindern oder einen Weg aus Krisensituationen zu finden. „Wir sind der Meinung: Je mehr Frauen und Mädchen aufgeklärt sind, desto weniger Beratungen braucht man irgendwann“, so die Leiterin abschließend.