Marvin Elsen lebte viele Monate in chinesischer Kampfsport-Akademie Kung Fu ist harte Arbeit

Orken · Die Faszination für Asien und eine Herausforderung brachten Marvin Elsen zu der Entscheidung, für 15 Monate sein Leben in Orken gegen das Leben an einer Kampfsport-Akademie in China zu tauschen. Fünf Jahre lang hatte der 22-Jährige zuvor bereits in der Wushu-Abteilung des TK Grevenbroich trainiert.

Marvin Elsen lebte viele Monate in chinesischer Kampfsport-Akademie: Kung Fu ist harte Arbeit
Foto: privat

Jetzt ist er zurückgekehrt und studiert "Sinologie" (China-Kunde) in Bochum. Reporterin Alina Gries sprach für das "Grevenbroich Magazin" mit dem Studenten über sein Lebensmotto, Engstirnigkeit und das Gefühl für Körper und Geist.

Wie lautet Ihr Lebensmotto zum Kung-Fu?

Ich hatte schon lange Wushu (/Kung Fu) betrieben und habe für mich entschieden, dass ich am Ursprungsort trainieren will, um das Gelernte auf Legitimität zu prüfen. Außerdem finde ich es wichtig neue Erfahrungen zu sammeln, da man so oft mehr lernt als man im Vorhinein annimmt.

Was ist das Besondere an Kung Fu?

Der Begriff "Kung Fu" oder "Gong Fu" ist eine komplizierte Sache an sich. Es bedeutet letzten Endes einfach "harte Arbeit" oder "investierte Zeit" und wird in China für jede Art von Tätigkeit benutzt, welche mit vollem Herzen ausgeübt wird.

Der Einfachheit wegen, werde ich mich aber der "westlichen Definition" bedienen. Kung Fu zeigt einem, wozu man in der Lage sein kann, wenn man sich einfach mal dazu zwingt, für eine Weile auf Gemütlichkeit zu verzichten, wenn auch nur für ein paar Stunden am Tag. Gleichzeitig hilft es aber auch, ein Gefühl für seinen Körper und Geist zu bekommen, was einem ermöglicht, seine Grenzen zu finden, ohne sich zu schaden.

Wie war das Training in China?

Ich war 15 Monate an einem Ort, an dem es jede Woche hieß: Akrobatik, Sparring, Schlagen und Treten üben, intensiv dehnen und nicht aufzugeben. Ich habe nicht einmal ins Krankenhaus gehen müssen oder mich jemals erwähnenswert verletzt.

Jedoch ist hier auch wichtig anzumerken, dass Kung Fu selbstverständlich nicht der einzige Weg ist, diese Effekte zu erzielen, jedoch gefällt mir am Kung Fu die Vielfältigkeit mit der man sich zu bewegen lernt.

Was ist das Ziel der Kampfkunst?

Das Ziel ist ganz einfach: Selbstkultivierung. Sich selbst zu einen "menschlicheren Menschen" zu machen. Das bedeutet die Absicht, anderen Menschen und sich selbst mit Respekt zu begegnen. Ein Streben nach Disziplin und langfristigem Wohlbefinden. Es ist ein sehr umfangreicher Begriff, eine Philosophie. Man kann noch so stark sein, viel trainieren oder ein "guter Kämpfer" sein. Wenn dies nicht mit Moral verbunden ist wird aus einem "guten Kämpfer" einfach ein Schläger. Wer tatsächliches Kung Fu betreibt, der tut dies, um das Leben anderer wertzuschätzen, ebenso sehr wie das eigene.

Wie versuchen Sie Kung Fu in den Alltag einbauen?

tag einzubauen ist einfach, wenn einmal das Prinzip verstanden wurde. Man muss nicht jeden Tag trainieren, um sich selbst und seine Bewegungen zu kultivieren. Regelmäßigkeit ist jedoch essentiell.

Es ist wichtig mit Achtsamkeit an die Dinge heranzugehen, dann kann normales Treppensteigen bereits eine sehr interessante Erfahrung sein. Man hat die Tendenz in Automatismen zu verfallen und immer daran zu denken, was man als nächstes macht, statt sich bewusst zu machen, was im Moment geschieht.

Wie haben China und der Kung Fu Sie verändert?

Mein Aufenthalt in der Akademie hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet, was aber nicht bedeuten soll, dass es mich zu einem anderen Menschen gemacht hätte. Es ist immer noch anstrengend, für mich zu trainieren. Aber ich habe gelernt, dass ich mich dennoch mehr verausgaben kann.

Ich habe zudem gelernt, dass es wichtig ist zu hinterfragen, was man für selbstverständlich hält. (…) Es ist nicht notwendig, jedem zu gefallen. Es ist viel wichtiger, dass man der einen Person gefällt, mit der man die meiste Zeit in seinem Leben verbringt: nämlich sich selbst. Wenn man sich selbst kultiviert, dann ist man immer in guter Gesellschaft.

Was haben Sie Positives und Negatives in China erlebt?

Positiv waren vor allem die zwischenmenschlichen Erfahrungen. Ich habe sehr viele neue Freunde getroffen und war überwältigt von der angenehmen Atmosphäre an diesem Ort, von dem man annehmen könnte, dass er sehr martialisch ist. Es ist schließlich eine Kampfsport-Akademie.

Ich habe jedoch auch miterlebt, wie schadhaft Engstirnigkeit sein kann. Einige Menschen, die ich in der Akademie antraf, waren so davon überzeugt, dass alles, was sie zu glauben meinten, richtig sein muss. Sie konnten sich entsprechend nicht auf die selbstverständlich sehr eigenen Methoden der Meister einlassen. Dies waren jedoch auch leider diejenigen, die am wenigsten Fortschritt (ob körperlich oder geistig) machten.

Wie lief denn so ein Tag in der Kung-Fu-Akademie ab?

Der Tag begann um 5.30 Uhr. Von 6 bis 7 Uhr wurde Taiji unterrichtet, um anschließend zu frühstücken. Vormittags wurde circa drei Stunden trainiert, mittags gab es Mittagessen, um nachmittags noch einmal zwei bis drei Stunden Training zu haben. Am Wochenende hatte man Freizeit. Jedoch hat man in der freien Zeit auch viel geübt. Ansonsten hat man viel Zeit mit seinen Leidensgenossen verbracht. Man hat sich immer ein kleines Zimmer mit ein bis drei Personen geteilt.

Wie ist die Kommunikation vor Ort verlaufen? Beherrschen Sie chinesisch?

Ich habe nicht sehr viel chinesisch gelernt, da der Großteil der Schülerschaft sehr international war. Zudem hatten wir Übersetzer, um mit unseren Meistern zu kommunizieren. Wenn ich es mal zur nächstgelegenen Stadt geschafft habe, musste mein sehr minimales und gebrochenes Chinesisch sowie viel Gestikulieren reichen.

Was fasziniert Sie so sehr an China, dass Sie jetzt sogar Chinesisch studieren?

Ich bin besonders davon fasziniert, dass eine sehr andere Denkweise ausgelebt wird. Ich habe den Eindruck, dass es sehr viele geistige Ressourcen in China gibt, von denen die ganze Welt profitieren kann. Meine Hauptmotivation zum Sinologie-Studium (China-Studium) ist es tatsächlich, die Sprache zu lernen und vor allem zu verstehen. Da ich den Eindruck habe, dass viele Konzepte und Gedankengänge davon geprägt sind, welche Sprache wir sprechen. Ich erhoffe mir, meinen Horizont zu erweitern, indem ich in einer Sprache denken kann, die so radikal unterschiedlich ist.

Was ist das Ziel für die Zukunft?

Mein Ziel für die Zukunft ist es, weitere Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln und mit Menschen zu teilen, die ein Interesse daran haben, sich in ihrem Körper wohl zu fühlen. Ich hoffe, dass ich mehr Leute für das immense Potential ostasiatischer Bewegungs- und Denk-kultur begeistern kann.