Wer an einem frühen Wintermorgen durch die rheinische Kohleregion fährt, sieht neuerdings immer häufiger ein Bild, das lange undenkbar schien: Vor einem Haus, das jahrelang leer stand, stapeln sich Umzugskartons. Ein Handwerker richtet die neue Haustür aus, während gegenüber ein junges Paar den Garten vermisst. Aus einem Fenster dringt der Geruch von frischer Farbe. Es sind kleine Szenen – aber sie erzählen von einer großen Veränderung.
Das Jahr markiert für das Rheinische Revier nicht nur das Ende der Kohleförderung. Es bedeutet auch die Rückkehr des Lebens in Orte, die viele schon abgeschrieben hatten. Dörfer, die einst auf Abrisslisten standen, werden wieder bewohnt. Häuser, die jahrelang verriegelt waren, wechseln den Besitzer. Und die Frage, die sich immer häufiger stellt: Kommt jetzt ein neuer Immobilienboom?
Die Region sortiert sich neu
In Garzweiler hat RWE laut „t‑online“ nach dem Verkaufsstart Ende 2025 bereits fast alle der ersten 25 wieder freigegebenen Häuser verkauft. Auch in Frimmersdorf, wo die Zukunft des Kraftwerksgeländes derzeit intensiv diskutiert wird, beobachten Makler und Kommunen eine steigende Nachfrage. Die jahrelange Unsicherheit ist vorbei. Die Menschen wissen nun, welche Orte bleiben, welche Perspektiven entstehen und wie sich die Region langfristig entwickeln soll.
Der Immobilienexperte und nach DIN/EN ISO 17024 zertifizierte Sachverständige André Heid sieht darin einen Wendepunkt: „Viele Menschen erkennen, dass die Region gerade eine einmalige Transformation durchläuft. Wo früher Abbruchkanten waren, entstehen neue Lebensräume. Das wirkt sich unmittelbar auf die Immobilienmärkte aus – und zwar früher, als viele erwartet haben.“
Warum die Preise wieder anziehen
Die Gründe für das neue Interesse sind vielfältig. Die Häuser im Revier sind oft solide gebaut, verfügen über große Grundstücke und liegen in einer landschaftlich reizvollen Umgebung - trotz des langen Kohleabbaus. Gleichzeitig sind die Preise – noch – deutlich niedriger als in den umliegenden Großstädten Köln, Düsseldorf oder Neuss. Hinzu kommt: Die Region investiert massiv in Infrastruktur und Gewerbeansiedlungen. Die Aussicht auf einen der größten Binnenseen Deutschlands, der bis 2070 im ehemaligen Tagebau entstehen soll, verleiht vielen Lagen eine zusätzliche Perspektive.
Damit Käufer realistisch einschätzen können, was ein Haus wert ist, spielt jedoch die Immobilienbewertung eine zentrale Rolle. Heid erklärt: „Je nach Bewertungszweck bieten sich unterschiedliche Bewertungsmodelle zur Ermittlung des Immobilienwerts an. Für selbstbewohnte Häuser sowie industriell genutzte Gebäude eignet sich das Sachwertverfahren sehr gut. Der Wert von Eigentumswohnungen wird bevorzugt mittels des Vergleichswertverfahrens ermittelt. Das Ertragswertverfahren liefert bei gewerblich genutzten Immobilien und vermieteten Wohnungen die genauesten Ergebnisse.“
Ein zertifizierter Sachverständiger wendet grundsätzlich mindestens zwei der drei Bewertungsmethoden an, um ein verlässliches und aussagekräftiges Ergebnis zu ermitteln. Anschließend gleicht er die berechneten Werte miteinander ab. Die Wahl der Verfahren hängt dabei immer von der Immobilie ab, die bewertet werden soll. Beispiel: Bei Eigennutzung kommt das Ertragswertverfahren nicht infrage.
Chancen und Risiken beim Kauf älterer Häuser
Viele Häuser im Revier stammen aus den 1950er‑ bis 1970er‑Jahren. Sie sind oft robust, aber energetisch leider völlig aus der Zeit gefallen. Wer ein solches Gebäude kauft, sollte genau prüfen, welche Sanierungen anstehen. Wichtige Punkte sind etwa der Zustand von Dach, Leitungen und Heizsystem, mögliche Feuchtigkeitsschäden und die Kosten für Dämmung, Fenster oder neue Heiztechnik. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Förderprogramme, die Sanierungen finanziell abfedern können – von KfW‑Krediten bis zu regionalen Zuschüssen.
Experte Heid rät zu einer nüchternen Betrachtung: „Ein altes Haus kann ein Schatz sein – aber nur, wenn Käufer die Sanierungskosten ehrlich kalkulieren. Wer sich vorab beraten lässt und Fördermöglichkeiten nutzt, kann aus einem Bestandsgebäude ein zukunftsfähiges Zuhause machen.“
„Vision 2070“: ein See als Generationenprojekt
Der geplante Garzweiler‑See wird das Gesicht der Region dauerhaft verändern. Mit mehreren tausend Hektar Fläche soll er zu den größten Binnenseen Deutschlands gehören. Wassersport, Tourismus, neue Wohnlagen am Ufer – all das wird die Wertentwicklung vieler Immobilien beeinflussen. Wer heute eine Immobilie im Rheinischen Revier zu vergleichsweise günstigen Konditionen erwirbt, investiert damit im besten Fall in die Zukunft seiner Kinder oder Enkel. Wenn der See einmal gefüllt ist, könnten viele Lagen eine Attraktivität aufweisen, die wir uns heute erst ansatzweise vorstellen können.