In Neurath fällt die Entscheidung, ob der große Strukturwandel gelingen wird Es geht um die „Steckdose“ für unsere Region

Neurath · Wird in Grevenbroich, Rommerskirchen oder im Rhein-Kreis über den Strukturwandel gesprochen, ist der Fokus zumeist auf Frimmersdorf („IT-NRW“ und Digitalpark) und auf Wevelinghoven („Microsoft“ Hyper-Scaler) gerichtet. Rainer Thiel, Vordenker der SPD in diesem Themenbereich, warnt allerdings: Die Entscheidung, ob der Strukturwandel gelingt, falle in Neurath!

Der orange Punkt markiert den Schornstein des geplanten GuD-Kraftwerks.

Foto: SMeu.

Der Politiker, der sowohl im Kreistag als auch im Regionalrat den Ausschüssen vorsteht, die den Strukturwandel begleiten, bezeichnet Neurath gar als „Hoch-Sicherheitsrisiko für den Rhein-Kreis“. Denn dort soll sichergestellt werden, dass es auch nach 2030 (oder 2033, je nachdem, wann der endgültige Ausstieg aus der Braunkohleverstromung auch stattfindet) eine gesicherte Stromversorgung gibt. Für die chemische Industrie im Kreis. Für die Aluminium-Industrie. Und für die künftige Digital-Industrie.

„Ob das alles gelingt, werden wir erst in sechs, sieben Jahren sehen. Aber das Schlüsselprojekt findet in Neurath im Schatten der BoA-Kraftwerke statt“, macht Rainer Thiel mit großem Nachdruck deutlich.

Rainer Thiel.

Foto: Rainer Thiel

Dort sollen ein Gas- und Dampf-Kraftwerk (später umrüstbar auf Wasserstoff), Strom-Großspeicher und ein Konverter entstehen.

„Das ist die Steckdose für die gesamte Region“, verdeutlicht Thiel die Bedeutung dieses Konverters (der dritte neben dem in Meerbusch und dem in Bergheim, der in den Unterlagen sinniger Weise „Rommerskirchen“ genannt wird). Im Zusammenspiel sollen die drei für gleichmäßig abrufbaren Strom sorgen.

Rokis Bürgermeister Martin Mertens.

Foto: SMeu.

Widerspruch wie in Meerbusch sei in Neurath nicht zu erwarten, vermutet der Strukturwandel-Experte der SPD: „Der Konverter liegt fernab der Bebauung in einer Mulde und fällt kaum ins Auge.“

Das Gas- und Dampfkraftwerk soll alsbald wie möglich und so lange wie nötig als „Back-up“ für die erneuerbaren Energien Strom erzeugen. Also immer dann anspringen, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint.

Bundeswirtschaftsministerin Reiche hat gerade die Aufgabe, diese Gaskraftwerke, die den Schritt von der Kohle zu den Erneuerbaren begleiten sollen, auf den Weg zu bringen. Das erste in unserer Region werde dann in Weisweiler gebaut, danach wäre Neurath dran, vermutet Rainer Thiel. Noch in diesem Monat soll übrigens der Rommerskirchener Gemeinderat den Satzungsbeschluss für die sogenannte „Starterfläche“ fassen und damit den Weg frei machen für den Neubau.

Die Stromgroßspeicher, die rund eine Stunde Strom vorhalten können, sollen als Reserve für die Zeiten mit höchster Volatilität zur Verfügung stehen. Hyper-Scaler & Co. brauchen halt durchgängig beste Stromversorgung ...

Nächste Stufe ist dann die Technik, mittels Wasserstoff Energie zu speichern und einsetzbar zu machen. Hier sei der Rhein-Kreis mit seinem „Wasserstoff-Hub“ einer der „big player“. Allerdings schränkt Rainer Thiel nachdenklich ein: „Wir können nicht voraussetzen, dass die Energie-Fragen gelöst sind.“

Und dann wird er politisch: „Grüne“, Habeck´sche Ziele und Vorgaben müssten jetzt unter Zeitdruck umgesetzt werden. Und das unter erschwerten Bedingungen: „Beim Strukturwandel gibt es keinen Kapitän. Die strategische Abstimmung zwischen Bund und Land fehlt“. Zulasten der Kommunen und natürlich auch der Menschen vor Ort.

Für Letztere hat Thiel zumindest eine Hoffnung: Wenn sich die vielen angestoßenen Projekte von Gaskraftwerk bis Hyper-Scaler realisieren würden, dann würden auch viele Arbeitsplätze entstehen .