Am 22. November 1676 wurde der erste Gottesdienst in der Hofkirche gefeiert, berichtet Jacqueline Hieronymus, Vorsitzende des Presbyteriums. Früher für das Jülicher Land eine typische Bauweise, ist das Jüchener Gotteshaus heute ein seltenes Beispiel einer reformierten Hofkirche in der Region. Die Geschichte der Kirchengemeinde an sich geht aber noch einmal deutlich weiter zurück. Bereits um 1560 wurde der Grundstock der späteren evangelischen Kirchengemeinde Jüchen gelegt. 1567 wurde schließlich der erste reformatorisch lehrende Pfarrer nach Jüchen berufen und zwischen 1609 und 1614 entstand das erste protestantische Gotteshaus. Dieses fiel, ebenso wie der zweite Bau, einem Feuer Opfer.
Der dritte Kirchenbau, die heutige Hofkirche, wurde schließlich zwischen 1674 und 1676 erbaut. Die Entscheidung für eine Kirche mit schlichter, funktionaler Architektur, zurückgesetzt hinter Pfarr- und Schulhaus und ohne Glockenturm wurde damals bewusst gefällt. „Um Spannungen mit der benachbarten katholischen Kirchengemeinde zu vermeiden, wurde sich für den Bau einer Hofkirche entschieden“, erklärt Jacqueline Hieronymus, „ein Glockenturm wäre zu dem Zeitpunkt ausdrücklich gestattet gewesen. Dennoch verzichtete die Gemeinde darauf. Das zeigt sehr deutlich, wie wichtig Rücksicht und Zusammenhalt damals schon waren.“
Über die Jahre wurde die Hofkirche um den über die Häuserfassade ragenden Glockenturm ergänzt, sowie um einen Anbau. In den 80er-Jahren entstand obendrein das große Gemeindezentrum, das mit seinen multifunktionalen Räumen beispielsweise viel Platz für die Bücherei oder die zahlreichen Kreise und Jugendaktionen bietet.
Auch wenn in diesem Jahr das Jubiläum der Hofkirche gefeiert wird, soll nicht allein sie im Mittelpunkt stehen, betont Jacqueline Hieronymus: „Unsere Geschichte zeigt: Kirche ist mehr als ein Gebäude – sie lebt durch die Gemeinde.“ Zweimal zuvor seien die evangelischen Kirchen im Zentrum von Jüchen niedergebrannt und jedes Mal seien die Menschen wieder zusammengekommen, um den Weg gemeinsam weiterzugehen. „Diese Kirche steht seit 350 Jahren, weil Menschen Verantwortung übernommen haben.“
Besondere Verantwortung übernimmt seit jeher das Presbyterium. Denn ein zentrales Merkmal der evangelischen Kirchengemeinde Jüchen ist ihre starke gemeindliche Selbstverwaltung. „Die Kirchengemeinde wird nicht allein vom Pfarrer geleitet. Er ist Mitglied des Presbyteriums, das die Gemeinde gemeinsam leitet. Es besteht aus gewählten Gemeindemitgliedern, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Jacqueline Hieronymus, die dem Presbyterium seit gut zwölf Jahren angehört und seit einem Jahr den Vorsitz innehat. Entscheidungen über Finanzen, Gebäude, Gemeindearbeit und geistliche Ausrichtung werden gemeinsam getroffen.
So ist die Gemeinde auch aktuell, wo die Pfarrstelle nach dem Tod von Pfarrer Horst Porkolab vor einem Jahr vakant ist, nicht ohne Leitung. Das Presbyterium organisiert den laufenden Betrieb. „Auch ohne Pfarrer ist die Gemeinde da. Das ist kein Ausnahmezustand, sondern gelebte reformierte Tradition“, weiß Hieronymus.
Und sie berichtet, wie die derzeitige Situation gemeistert wird: „Wir haben glücklicherweise viel Potenzial in der Gemeinde mit Pastorin Inès Busch und den beiden Prädikanten Ricarda Sandig-Hörner und Marcel Mostert sowie den engagierten Ehrenamtlern. Bisher ist es uns gelungen, dass das Gemeindeleben wie gewohnt weiterläuft.“ Die Hoffnung ist jedoch groß, bald einen Nachfolger für Pfarrer Porkolab zu finden. Auch hier obliegt die Entscheidung dem Presbyterium, erklärt die Vorsitzende: „Es ist nicht wie in der katholischen Kirche, wo beispielsweise das Bistum den Pfarrer bestellt.“
Dass sich das Finden eines neuen Pfarrers nicht so einfach gestaltet, spiegelt die Entwicklung in vielen Gemeinden wider. Immer weniger Menschen würden Theologie studieren und sich für den Beruf des Pfarrers entscheiden, so Hieronymus. Und auch wenn die Mitgliederzahlen der Gemeinden schrumpfen („Es werden weniger Kinder getauft und mehr Menschen treten aus der Kirche aus.“), bleibt die Arbeit doch gleich. „In der Zukunft werden die Gemeinden wohl mit weniger Pfarrern auskommen und mehr zusammenwachsen müssen. Es werden Veränderungen auf uns zukommen“, bringt die Vorsitzende des Presbyteriums auf den Punkt.
Aus diesem Grund wird im Jubiläumsjahr der Hofkirche der Blick bewusst in die Zukunft gerichtet: „Das Jubiläum ist kein Blick zurück aus Nostalgie, sondern ein bewusster Schritt nach vorn.“ Die große Feier zum Jubiläum soll am 31. Oktober, dem Reformationstag, stattfinden. Geplant sind ein feierlicher Gottesdienst und ein Konzert von Gitarrist Daniel März mit seinem Quartett „Rheinsaiten“. Beim Empfang im Gemeindehaus mit Speis und Trank soll obendrein groß gefeiert werden. Über das Jahr wird es viele weitere Aktionen, beispielsweise Kirchenführungen im Rahmen der „Sommersause – Jüchens Stadtfest“, geben.
Und da das Gemeindeleben damals wie heute durch die Menschen, die mitdenken, sich engagieren, geprägt wird, sind die Gemeindemitglieder zum Mitdenken eingeladen: Unter dem Motto „350 Jahre Hofkirche – und wir gestalten weiter“ lädt das Presbyterium am 21. April um 19.30 Uhr zum offenen Gesprächsabend in das Gemeindehaus Jüchen. An dem Abend geht es darum, gemeinsam über die Frage nachzudenken: Was braucht die Gemeinde – heute und in Zukunft? Um Anmeldung bis zum 14. April im Gemeindebüro (02165/70 01; [email protected]) wird gebeten.