Der Erft-Verband verspricht viel Natur. Erholung im Grünen. Eisvögel und Mücken. „Wir nehmen nichts weg. Wir schaffen etwas wirklich sehr Hochwertiges.“

Wevelinghoven/Kapellen · Dr. Dietmar Jansen, Bereichsleiter Gewässer des Erft-Verbandes, sieht das Konzept, das seine Behörde für die Renaturierung der Erft entwickelt hat, als „Angebot“. An die Erft. Und an die Bürger. Noch könne auch Wesentliches geändert werden, aber die Zeit drängt:

Das Bild oben lässt deutlich erkennen, wie die Erft bei Wevelinghoven von Menschenhand in ein höheres Flussbett gezwungen wurde.

Foto: Erft-Verband

2027 müssten die Bagger kommen, damit der Zeitrahmen (2030) eingehalten werden kann. Dafür müsse die Stadt (Rat und Verwaltung) endlich sagen, was sie wolle. Und das Land müsse die Verhandlungen mit den Mühlenbesitzern zum Abschluss bringen. „... jetzt ist es schon sehr spät“, mahnt Jansen.

Doch der Reihe nach. Der Entwurf für die „Erft der Zukunft“ basiert nicht auf einem kreativen Schaffensprozess, sondern auf reiner Mathematik: Wasser strebt immer der tiefsten Stelle zu. Deshalb macht es Sinn, sie dort renaturiert zu planen, wo die niedrigsten Höhenmeter gemessen werden.

Das linke Bild zeigt den Bereich mit den Höhenmetern (je dunkler umso höher) und mit dem angedachten Verlauf der „neuen Erft“.

Foto: Erft-Verband

„Die Erft hat sich einst festgelegt auf eine solche Trasse, bis der Mensch eingegriffen hat“, betont Dietmar Jansen. Im Luftbild kann man denn auch wunderbar erkennen, dass die Erft in Wevelinghoven in die höhere Hanglage gezwungen wurde.

In welchen Schleifen die Erft letztendlich dem Rhein zufließen wird, entscheidet sie selbst. Beziehungsweise die Zeit. Mit jedem Hochwasser, so Jansen, könnten sich kleinteilige Veränderungen einstellen. Ein großes Hochwasser könnte gar Neu- und Altarme bilden, so wie es in grauen Vorzeiten eben der Fall war.

Mit Sandbänken, Steilkanten, Buhnen (die die Strömungsrichtung verändern können) und anderen „Tricks“ könne man dem fließenden Wasser Angebote machen. Letztendlich würde es sich im Laufe der Zeit aber immer wieder seinen eigenen Weg suchen.

Impressionen einer zukünftigen Erft: Die Wasserschleifen schimmern in der untergehenden Sonne.

Foto: Erft-Verband

Drumherum könne sich dann eine Auenlandschaft mit lebhafter Fauna und Flora bilden. So könne das Ziel der Biodiversität erreicht werden.

Selbstverständlich gibt es für diesen nahezu paradiesischen Blick in die Zukunft ein paar Einschränkungen: Da sind die Brücken, unter denen hindurch die Erft auch nach dem Umbau fließen muss. Innerstädtisch ist sie an ihr menschengemachtes Bett gebunden. Und die Mühlen mit ihren alten, verbrieften Wasserrechten können auch nicht so einfach vom Fluss abgeschnitten werden.

Dr. Dietmar Jansen (kleines Foto) legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass am Ende die Erft allein über ihr Bett entscheiden wird.

Foto: Erft-Verband

Zum Glück für den Erft-Verband ist nur noch eine einzige wirtschaftlich aktiv. Sie braucht Wehr und Wasser für den Antrieb der Maschinen, aber auch für den Feuerschutz. Für Letzteren habe man eine sinnvolle Lösung gefunden, so Jansen. Den Rest verhandele das Land; der Erft-Verband säße da aber nicht mit am Tisch.

Wie diese Einigung auch immer aussehen mag, wichtig ist, so Jansen, dass die Erft auch nach Ende der Sümpfungsmaßnahmen des Braunkohletagebaus über ausreichend Wasser (gerade auch in heißen, trockenen Sommern) verfügt. „Deshalb ist das RWE verpflichtet, die Erft, ebenso wie den Jüchener Bach, zu stützen“, so Jansen. Und dies so lange, bis sich in der Region der normale Wasserhaushalt wieder eingestellt hat.

Und dann richtet sich Dietmar Jansen an die Bürger gerade in Wevelinghoven und Kapellen: „Wir nehmen Ihnen nichts weg. Wir schaffen viel Zusätzliches, etwas wirklich sehr Hochwertiges.“ Denn die „neue“ Auenlandschaft biete einen enormen Freizeit- und Erholungswert. Und dies im Rahmen einer sich frei entwickelnden Natur.

Das fange bei einem Netz von Rad- und Wanderwegen an (die der Erft-Verband für Pflege und Unterhaltung der neuen Landschaft eh brauche). Bänke, Grillhütten, ein „Grünes Klassenzimmer“ und vieles mehr sei möglich. Hier müsse sich die Stadt Grevenbroich endlich konkret einbringen, mahnt Jansen: „Das Zeitfenster schließt sich allmählich“.

Er hofft konkret auf eine Sitzung des Bau-Beirats in diesem April. Außerdem habe er im Vorfeld schon mit vielen Ratsfraktionen gesprochen.

Für zwei konkrete Problempunkte zeichnen sich Lösungen ab. So gibt es ein Konzept, wie der Erft-Arm an Neubrück vorbei erhalten werden kann (trotz der extrem hohen Staumauer dort). Und mit den Erft-Anrainern aus der Gartenstadt, die den Fluss am Ende ihrer Gärten verlieren werden, konnte man sich auf ein Konzept mit Naturteichen einigen.

„Die Bevölkerung nimmt ,ihre neue‘ Erft schnell in Besitz“, weiß Jansen aus anderen, bereits renaturierten Teilabschnitten. Das erwartet er auch für die 15 Kilometer Erft, die derzeit noch „in Arbeit“ sind. Aber er wird nicht müde zu mahnen: „Wir müssen in diesem Jahr noch alle Anträge einbringen, damit der Umbau bis 2030 noch klappt“. Und da sei der Erft-Verband wie erläutert von Stadt und Land abhängig, so der Bereichsleiter.

Nach dem Umbau könnten sich die Bürger dann auf eine blühende Landschaft mit viel fliegendem, kriechendem und brummenden Getier freuen. Auf Eisvögel zum Beispiel. Aber auch auf Myriaden von Mücken, die in entstehenden Flachwasserzonen, in den Naturteichen und in etwaigen Stauwasserbereichen mit niedriger Fließgeschwindigkeit ideale Lebensbedingungen finden. Vielleicht, so überlegt Jansen, müsse man des Sommers manche Bereiche für Spaziergänger sperren ...

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