Nach einigem Zögern tat sie das dann, schrieb über ihren Weg auf Kalenderblättern, den Rückseiten von Einkaufszetteln, überall da, wo Platz war. Inzwischen liegen die Erinnerungen in Buchform vor. Und stoßen auf reges Interesse.
Barbara Humpesch-Kraemer und Karl Gerner ist es zu verdanken, dass besagte Loseblattsammlung geordnet, durchformuliert und gedruckt wurde. Ein Problem für das Geschwisterpaar aus der Enkel-Generation: Omas Aufzeichnungen waren durchgängig in Sütterlin geschrieben.
„Erst hat sich Oma gegen den Gedanken, ihr Leben niederzuschreiben, gewehrt. Dann hat sie aber gemerkt, dass es ihr guttut“, erinnert sich Humpesch-Kraemer an diese Phase: „Das war Anfang der 70er Jahre“.
Zum Glück fand sich damals jemand, der Sütterlin lesen konnte. Und so wurde Ende der 80er Jahre die Loseblattsammlung mit Schreibmaschine und später per Computer gesichert.
Flora Gerners Leben (5. Januar 1892 bis 14. September 1986) wurde in loser Themenfolge aufgezeigt: Glückliche Kindheit und Jugend im Sudetenland. Der Zweite Weltkrieg mit Verbrechen, Rache und unmenschlichen Demütigungen. Vertreibung mit ihrem kranken Mann an der Seite. Ankommen in Westdeutschland und irgendwann auch in Grevenbroich.
Im April 2024 kam das Gespräch der Geschwister wieder auf besagte Textsammlung: „Das wird ja alles in Vergessenheit geraten“, seufzten sie. Und so entstand der Entschluss, die Erinnerungen in griffiger Form für die eigenen Kinder und Enkelkinder zusammenzustellen. „Auch diesen Teil der deutschen Geschichte sollte man nicht vergessen“, fordert Karl Gerner.
So entstand ein Büchlein und nach der Umwandlung der getippten A4-Seiten ins A5-Format waren die beiden überrascht, dass das Buch auf 100 Seiten angewachsen war. Dabei wurde die gesamte Gestaltung von den Geschwistern übernommen (inklusive Titelseite). Die Veröffentlichung erfolgte über „Books on Demand“ (ISBN 978-3-7693-6766-9).
Zwischenzeitlich hat es Lesungen gegeben. In Wevelinghoven („Jeder Dritte hatte Vertriebene in der eigenen Familie.“) und in der „Villa Erckens („Da sind ganz viele Leute aufgestanden und haben aus ihrem Leben erzählt“.).
Besonders bewegend sind übrigens die kleinen, menschlichen Details: Mit 17 Jahren hat „Oma Gerner“ geheiratet (einen 14 Jahre älteren Mann). Ihre Tochter ist mit 14 Jahren dann gestorben. Es blieb ihr der Sohn, der nach vielen Umwegen Betriebsleiter in der „Quäker“-Haferflockenfabrik in Grevenbroich wurde.
„Viele Jahre ist Oma jeden Morgen in die Kirche und dann zum Friedhof gegangen und hat ihrem Mann einen guten Morgen gewünscht“, erzählt Karl Gerner mit einem tiefen Lächeln in seinen Augen. Ihre letzten Jahre wurde sie im Seniorenheim in Gustorf gepflegt.
Es ist ebenso gut wie wichtig, dass es ihren Lebensweg jetzt für alle zum Nachlesen gibt.