Grevenbroicher entwickelt App für besseres Sicherheitsgefühl Wenn das Handy zur Bodycam wird

„Was mache ich, wenn ich auf der Straße angepöbelt werde?“ Diese Frage hat sich der Grevenbroicher Peter Mattheisen vor etwas mehr als einem Jahr gestellt. „Mit meinen 71 Jahren kann ich einem Angreifer körperlich nicht viel entgegensetzen“, sagt er. Doch was tun, wenn eine Situation tatsächlich eskaliert?

Peter Mattheisen aus Grevenbroich hat die App „MyBodyCam“ entwickelt.

Foto: privat

Mattheisen, der 30 Jahre für ein internationales Technologieunternehmen, an dessen Europazentrale in Neuss tätig war, zuletzt als IT-General Manager, suchte nach einer technischen und gewaltfreien Lösung. „Mit Programmieren kenne ich mich aus, und als ich in Rente gegangen bin, hatte ich wieder mehr Ruhe dafür. In dieser Zeit ist auch die Idee entstanden, eine App zu entwickeln, die einem in brenzligen Situationen ein Stück weit Sicherheit geben soll.“ Das Ergebnis heißt „MyBodyCam“. Die Anwendung ist inzwischen für Android und iOS erhältlich. Mattheisen bietet sie kostenlos und ohne Werbung an. Doch wie funktioniert die App? Nach dem Herunterladen müssen Nutzer zunächst eine rund 40-minütige Einführung absolvieren. Erst danach ist die Anwendung vollständig einsatzbereit. „Das mag für manche Menschen vielleicht zunächst etwas lästig erscheinen, aber die Einführung ist nötig, damit möglichst kein Missbrauch stattfindet“, erklärt der IT-Experte.

Eine künstlich erstellte Darstellung der App, die veranschaulicht, was auf dem Smartphone zu sehen wäre, wenn ein potenzieller Angreifer gefilmt wird.

Foto: MyBodyCam

Bei der Entwicklung habe er deshalb eng mit einer Fachanwältin für Datenschutz zusammengearbeitet. Aktiviert werden kann die App entweder per Sprachbefehl oder über eine Taste. Sobald die Aufnahme startet, wird ein potenzieller Angreifer auf zwei Wegen deutlich darauf hingewiesen: Eine Animation auf dem Display signalisiert sichtbar, dass eine Aufnahme läuft. Gleichzeitig informiert eine Sprachansage über den laufenden Aufnahmevorgang. Dieser Warnhinweis kann in mehreren Sprachen ausgegeben werden. „Gerate ich also in eine gefährliche Situation, kann ich mit der App den potenziellen Angreifer mit meinem Handy wie mit einer Bodycam filmen“, erläutert Peter Mattheisen. Die Aufnahme wird dabei in Echtzeit in einen besonders geschützten, nicht öffentlich zugänglichen Cloud-Speicher übertragen. Gleichzeitig werden bis zu drei zuvor hinterlegte Notfallkontakte per SMS und E-Mail über den aktuellen Standort informiert. Diese können zudem den Livestream des Videos verfolgen.

Das aufgenommene Video wird laut dem Entwickler 24 Stunden in der Cloud gespeichert und kann innerhalb dieses Zeitraums auf das Smartphone heruntergeladen werden. Selbst wenn das Mobiltelefon während eines Angriffs beschädigt oder entwendet wird, soll die Aufnahme nicht zwangsläufig verloren sein. „Man kann im Nachgang den Support kontaktieren – also mich – und nach entsprechender Identitätsprüfung das Video nachträglich anfordern.“ Die Aufzeichnung könne zudem eine abschreckende beziehungsweise deeskalierende Wirkung haben, glaubt der Peter Mattheisen. Denn das Gegenüber erkenne unmittelbar, dass die Situation dokumentiert werde. Neben dem Schutz vor Angreifern bietet MyBodyCam eine weitere Funktion: die sogenannte Hilferuf-Option. Damit lässt sich die App auch in Situationen einsetzen, in denen keine fremde Person involviert ist – etwa nach einem Sturz, bei plötzlichem Unwohlsein oder wenn man sich verirrt hat. Dabei filmt sich die betroffene Person selbst über die Frontkamera und schildert kurz die Situation. Ein Tap oder Sprachbefehl genügt, um zuvor hinterlegte Vertrauenspersonen per SMS und E-Mail zu benachrichtigen. Diese erhalten einen Link zur laufenden Übertragung sowie den aktuellen Standort und können so schnell reagieren – ohne dass die betroffene Person erst nach Telefonnummern suchen oder umständlich erklären muss, wo sie sich befindet.

Rund 1500 Nutzer verwenden die App nach Angaben Mattheisens derzeit. Der Grevenbroicher hofft, dass noch weitere Menschen auf die Anwendung aufmerksam werden. Eine Garantie für Sicherheit könne sie allerdings nicht bieten. „Die App kann mich natürlich nicht vor einem Überfall bewahren, aber sie kann mir in solch einer Situation zumindest eine gewisse Handlungsoption bieten, wenn ich einer Konfrontation nicht aus dem Weg gehen kann.“

Weitere Informationen für Interessierte gibt es auf der Internetseite mybodycam.de sowie auf Instagram unter „mybodycam.software“.

-Nicole Palmieri