Was damals geschah, war Teil eines europäischen Großkonflikts, dessen Auswirkungen auch unsere Region nachhaltig prägten. Ziel der Veranstaltung ist es, dieses Kapitel regionaler Geschichte fundiert, nachvollziehbar und anschaulich zu vermitteln – nicht als Spektakel, sondern als historisch eingeordnete Begegnung mit dem 17. Jahrhundert. „Wir wollen zeigen, dass regionale Geschichte mehr ist als ein Kapitel im Heimatbuch“, sagt Ralf Rosenberger, Vorsitzender des Vereins „Historisches Wevelinghoven“. „Sie ist Teil der europäischen Geschichte – und genau das machen wir hier sichtbar.“
Ein historisches Lager mitten in Langwaden
Mehrere spezialisierte Reenactment-Gruppen aus Deutschland und dem benachbarten Ausland schlagen ein authentisches Heerlager auf. Besucher erleben den militärischen Alltag von Dragonern und Fußsoldaten, Ausrüstung und Disziplin im 17. Jahrhundert, Handwerk und Versorgung im Tross, Feldküche und Lagerorganisation sowie die medizinische Versorgung Verwundeter.
Geplante Gefechtsdemonstrationen werden moderiert und historisch eingeordnet. Der Schwerpunkt liegt auf Erklärung und Verständnis – nicht auf Dramatisierung. „Unser Anspruch ist klar: keine Folklore, sondern quellenbasierte Darstellung“, betont Projektleiter Peter Theo Schäfer. „Was hier gezeigt wird, ist historisch recherchiert und wissenschaftlich begleitet.“
Ein besonderer Schwerpunkt der Veranstaltung liegt auf der Darstellung eines Dragonerregiments des Dreißigjährigen Krieges. Mit dem „Kurbairischen Dragonerregiment Johann Wolf“ ist eine profilierte Reenactment-Gruppe dieser Epoche zu Gast. Der gemeinnützige Verein zählt rund 60 Mitglieder aus Deutschland und Österreich.
Das Regiment stellt eine historisch belegte Einheit dar, die im Dreißigjährigen Krieg im Armeekorps des bayerischen Feldherrn Jan von Werth kämpfte. Grundlage der Darstellung ist intensive Quellenarbeit sowie die Auswertung zeitgenössischer Dokumente und Fachliteratur. „Unser Ziel ist nicht, eine Show zu liefern, sondern Geschichte nachvollziehbar zu machen – mit Respekt vor den Menschen, die diese Zeit erlebt haben“, erklärt Uwe Klotz, Vorsitzender des Dragonerregiments. „Viele Besucher sind überrascht, wie hart der Alltag im 17. Jahrhundert war. Genau darum geht es: Geschichte realistisch zu vermitteln.“
Dragoner waren berittene Soldaten, die sowohl zu Pferd marschierten, als auch abgesessen kämpften. Besucher erhalten Einblicke in Ausbildung, Ausrüstung und taktische Abläufe dieser Truppengattung. Darüber hinaus zeigt das Regiment das zivile Leben im Feldlager: Handwerk, Versorgung, Backen, Nähen und Reparaturen – Tätigkeiten, die den militärischen Alltag erst ermöglichten.
Was ist „Living History“?
„Living History“ bedeutet lebendige Geschichtsvermittlung. Im Mittelpunkt steht nicht die spektakuläre Schlachtnachstellung, sondern die möglichst authentische Darstellung des Alltags einer historischen Epoche. Kleidung, Ausrüstung, Handwerk und Lebensweise werden auf Grundlage historischer Quellen rekonstruiert und im direkten Austausch mit den Besuchern erklärt. Der Begriff „Reenactment“ dient oft als Sammelbegriff für historische Darstellungen. Während klassische Schlachtdarstellungen vor allem militärische Abläufe zeigen, legt „Living History“ den Schwerpunkt auf Einordnung, Kontext und das Verständnis der Zeit. Gefechtsdemonstrationen sind Teil des Programms – sie dienen der historischen Erklärung, nicht der Inszenierung von Gewalt. Ziel ist es, Geschichte nachvollziehbar, anschaulich und dialogisch erlebbar zu machen.
Wer sich mit Reenactment des 17. Jahrhunderts beschäftigt, kommt an den Niederlanden nicht vorbei. Dort ist die Szene deutlich ausgeprägter und regelmäßig in großen, professionell organisierten Formaten präsent. Mehrtägige Belagerungsdarstellungen, internationale Beteiligung und historisch fundierte Lager gehören dort seit Jahren zum kulturellen Kalender. Gerade deshalb ist die Veranstaltung in Wevelinghoven für den Rhein-Kreis besonders bemerkenswert: Frühneuzeitliche „Living History“ mit einem klaren regionalhistorischen Schwerpunkt auf 1648 ist hier bislang selten.
„Dass wir Gruppen aus dem In- und Ausland gewinnen konnten, zeigt, dass das Thema 1648 weit über Wevelinghoven hinaus Bedeutung hat“, so Schäfer. „Wir schließen damit eine Lücke zwischen lokaler Geschichtsarbeit und international vernetzter Darstellungskultur.“
Zum Vergleich: Der „Sturm auf Zons“ ist ein etabliertes und starkes Format am Niederrhein – jedoch in einer anderen Zeitstellung verortet und primär mittelalterlich geprägt. Das „Living-History“-Wochenende in Wevelinghoven setzt bewusst einen anderen Schwerpunkt: die späte Phase des Dreißigjährigen Krieges und den unmittelbaren Weg zum Westfälischen Frieden.
Bildung und Einordnung
Ein eigenes Format richtet sich an Schulen. In einem 90-minütigen Stationen-Programm werden militärischer Alltag, Versorgung, medizinische Praxis und historische Quellenarbeit altersgerecht vermittelt. Gefechtsdarstellungen sind im Schulformat ausdrücklich nicht vorgesehen. „Gerade für junge Menschen ist es entscheidend, Geschichte nicht nur zu lesen, sondern zu verstehen“, sagt Schäfer. „Wenn man sieht, wie Menschen damals lebten, wird Geschichte greifbar.“
Besondere Aktualität erhält das Projekt durch die Entwicklung des Neubaugebietes „An Mevissen“. Dort entsteht mit dem geplanten „Park des Westfälischen Friedens“ ein neuer Erinnerungsort. Straßenbezeichnungen wie Kaiserstraße und Hessenstraße greifen historische Bezüge auf. „Erinnerung darf nicht abstrakt bleiben“, so Rosenberger. „Wenn wir Orte benennen oder Mahnmale planen, brauchen wir eine fundierte historische Grundlage. Genau dazu leisten wir hier einen Beitrag.“
Ein Projekt dieser Größenordnung ist nur mit breiter Unterstützung möglich. Das Organisationsteam dankt bereits jetzt dem Rhein-Kreis, der Stadt Grevenbroich sowie der Sparkasse für ihre finanzielle Förderung und ihr Vertrauen in dieses kulturelle Vorhaben. Die Veranstaltung versteht sich als gemeinschaftliches Projekt für die Region. Entsprechend sind weitere Förderer, Sponsoren und Unterstützer ausdrücklich willkommen. Ob als institutioneller Partner, lokales Unternehmen oder engagierte Privatperson – jede Form der Unterstützung trägt dazu bei, das historische Programm qualitativ hochwertig und für die Besucherinnen und Besucher kostenfrei zugänglich zu gestalten.
Für Unternehmen besteht zudem die Möglichkeit eines sichtbaren Sponsorings im Rahmen der Veranstaltung sowie in der begleitenden Öffentlichkeitsarbeit.
Interessierte Förderer und Sponsoren werden gebeten, sich direkt mit dem Verein in Verbindung zu setzen.
Einladung zum Mitmachen
„Living History 1648“ ist mehr als ein Wochenende mit historischen Uniformen. Es ist der Versuch, regionale Geschichte sichtbar, verständlich und diskutierbar zu machen. Austragungsort der Veranstaltung ist der ehemalige Sportplatz gegenüber dem Kloster Langwaden – ein historisch wie landschaftlich stimmiger Rahmen für die Darstellung der Ereignisse von 1648.
Graf Bertram von Nesselrode und seine Familie stellen die Wiese als Mitglieder des „Historischen Wevelinghoven“ für das Projekt zur Verfügung und ermöglichen damit erst die Durchführung in dieser besonderen Umgebung. Auch die Kirmesgesellschaft Langwaden unterstützt das Vorhaben: Unter dem Vorsitz von Heiner Hoffmann werden Parkflächen auf dem benachbarten Kirmesplatz bereitgestellt, um eine geordnete Besucherführung zu gewährleisten.
„Das Projekt lebt davon, dass viele mitziehen“, sagt Rosenberger. „Wer sich beteiligen möchte, ist herzlich eingeladen.“ Wevelinghoven schreibt Geschichte nicht neu – aber es macht sie wieder sichtbar.