1. Jüchen

Hier lesen Sie, weshalb die Arzneimittelversorgung jetzt gefährdet ist: AvP-Pleite bedroht Existenz von Apothekern

Hier lesen Sie, weshalb die Arzneimittelversorgung jetzt gefährdet ist : AvP-Pleite bedroht Existenz von Apothekern

„Es ist eine diffuse Angst, die die Apotheker umtreibt“, mahnt Dr. Sebastian Leuffen, Bertreiber von zwei Apotheken in Jüchen und Wevelinghoven. Der handfeste Grund für dieses bange Gefühl: Durch die Insolvenz des Rechnungszentrums AvP ist die Existenz zahlreicher Apotheken bedroht.

Grevenbroich. Apotheker müssen ihr Warenlager vorfinanzieren. Die Rezepte werden von AvP eingesammelt, die Apotheker bekommen ihr Geld – im Normalfall. Doch jetzt ist das Rechenzentrum pleite; rund 300 Millionen Euro sind auf AvP-Konten eingefroren, bis sehr komplexe rechtliche Fragen geklärt sind; das kann Jahre dauern.

„Durchschnittlich bis zu 80 Prozent des Umsatzes rechnet der Apotheker mit Kostenträgern ab“, weiß Christoph Napp-Saarbourg, seines Zeichens Pressesprecher der Apotheker im Rhein-Kreis.

Das heißt: Diese Rezepte gehen zur AvP, die macht die Abrechnung mit der Krankenkasse. „Stellen Sie sich vor, Sie müssten auf 80 Prozent Ihres Gehalts verzichten, aber weiter die laufenden Kosten tragen“, macht Napp-Saarbourg deutlich, wie hart es einige Apotheker trifft.

Christoph Napp-Saarbourg, Pressesprecher der Apotheker im Rhein-Kreis, warnt vor einem Apothekensterben.

Die Warenlager seien meist über Banken vorfinanziert und über den Großhandel bezogen, erklärt der Apotheker Dr. Sebastian Leuffen.

Er weist damit auf ein weiteres großes Problem hin: Die meisten Apotheker haften in der Regel als Kaufleute persönlich und unbegrenzt mit ihrem Privatbesitz – dabei erfüllen sie den Auftrag der Sicherstellung der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung. Ob dies weiter garantiert werden kann, ist fraglich.

Laut Apothekerkammer Nordrhein sehen sich 20 Prozent der Apotheken mit einer teils existenzbedrohenden Situation konfrontiert.

„Und es ist kein Ende in Sicht“, blickt Napp-Saarbourg, der von der Krise nicht betroffen ist, weil er ein anderes Rechenzentrum nutzt, nachdenklich in die Zukunft: „Vor allem in ländlichen Gegenden kann die Schließung einer Apotheke schlimme Folgen haben.“ Auch müssten betroffene Apotheker das Angebot in ihrem Warenlager reduzieren und Medikamente für Kunden nicht mehr bestellen.

„Es gibt kaum eine vergleichbare Branche, in der Betreiber eines Geschäfts in eine derart hohe Vorleistung gehen muss. Und jetzt rutschen zahlreiche Apotheker völlig unverschuldet in eine Krise“, so Leuffen. Er selbst ist nicht betroffen – ein glücklicher Zufall, denn vor acht Jahren hatten er und sein Vater – ebenfalls Apotheker – überlegt, welches Rechenzentrum sie gemeinsam nutzen wollten.

Der Vater war damals AvP-Klient, „und beinahe wäre ich auch dorthin gewechselt, habe mich aber anders entschieden – und auch mein Vater hat AvP verlassen“, ist Leuffen jetzt heilfroh, dass er per Zufall die richtige Entscheidung getroffen hatte.

So rutscht er nach Corona nicht direkt in die nächste Krise. „Apotheken haben es heutzutage schwer. Sie konkurrieren mit Versandapotheken, die keinen Versorgungsauftrage erfüllen müssen, sich also aussuchen können, welche Medikamente sie anbieten, sie müssen keinen Notdienst anbieten und dürfen sogar Gutscheine offerieren“.

Napp-Saarbourg spricht von einer zweiten Krise, in die seine Kollegen völlig unverschuldet rutschen, denn auch die Corona-Pandemie habe negative Auswirkungen gehabt.

Er befürchtet eine Beschleunigung des Apothekensterbens: In diesem Jahr mussten rund 700 Apotheken schließen, bisher waren es durchschnittlich bis zu 300“, so Napp-Sarbourg, „und es gibt deutlich mehr Schließungen als Neueröffnungen“.

Die Apothekerkammer Nordrhein fordert zinslose Kredite – aber auch die müssen zurückgezahlt werden.

Dennoch sieht die Vertretung der Apotheker hier die vorübergehende Lösung: „Es geht teils um sehr hohe Summen, die kaum jemand auf der Seite liegen hat“, mahnt deshalb auch Kathrin Luboldt, ihres Zeichens Vizepräsidentin der Kammer.

Rolf Retzlaff