1. Grevenbroich

Im Interview: Pfarrer und Kirchen-Kritiker Meik Schirpenbach

Im Interview: Pfarrer und Kirchen-Kritiker Meik Schirpenbach : „Grevenbroich sollte wilder, natürlicher aussehen...“

Die Entwicklung der Schloss-Stadt ist in den vergangenen Jahrhunderten in vielfacher Weise von den Kirchen, von engagierten Christen und nicht minder engagierten Andersgläubigen beeinflusst worden. Doch welchen Stellenwert werden die Religionen in der zukünftigen Stadt-Gesellschaft noch haben?

Pfarrer Meik Schirpenbach, ein durchaus kritischer Geist in seiner Kirche, stellte sich dem Interview.

Wenn Sie die Stadt Grevenbroich in einem Satz beschreiben sollten, wie würde der dann lauten?

Das Venedig an der Erft – eine kleinteilige Struktur mit großer Vielfalt, die allerdings gefährdet ist.

Kirchen und Klöster haben Grevenbroich gestaltet und geprägt. Wie sehen Sie heute den Stellenwert der katholischen Kirche in Grevenbroich?

Die Frage ist, wie wir Kirche definieren. Für mich ist das nicht die Institution oder hauptamtliches Personal, sondern alle die, die dort wo sie leben, aus ihrer christlichen Haltung ihr Leben und Miteinander gestalten. Insofern ist der Stellenwert der Kirche hier sehr hoch, weil viele Menschen im Alltag so leben.

Ich ärgere mich immer sehr, wenn ich bei öffentlichen Veranstaltungen als „Kirchenvertreter“ begrüßt werde. Kirche sind wir als eine große Gemeinschaft vor Ort, auch über die Konfessionsgrenzen hinaus. Wir brauchen da mehr Selbstbewusstsein und sollten uns nicht vom Versagen in der Kirchenleitung abschrecken lassen.

Die Kirche steht heutzutage schnell in der Kritik. Doch sie tut auch viel für die Menschen. Welche Beispiele aus Greven-

broich halten Sie für besonders wichtig?

Weil ich 21 Gemeinden begleite, bekomme ich gar nicht alles mit, was an Gutem läuft. Es gibt so viele tolle Initiativen bei uns. Wenn ich manche aufzähle, sind andere traurig, weil ich sie nicht erwähne. Ich kann nur raten, die Augen aufzumachen und aus der Service-Haltung rauszukommen.

Was nicht zu unterschätzen ist, ist das Einüben des Miteinanders von Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen und unterschiedlicher Herkunft. Das lernen wir in unseren Gemeinden. Als katholische Kirche sind wir wahrscheinlich die größte Migranten-Organisation weltweit. Schon unser Seelsorgeteam hier ist international.

Wohin soll sich „Kirche“ in den kommenden 20, 25 Jahren entwickeln? Wie modern muss, wie modern darf die über zweitausendjährige Tradition werden?

„Modern“ heißt für mich, sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen. Diese sehe ich darin, Menschen innerlich stark zu machen angesichts der vielen Krisen, die nicht abnehmen werden. Da hat die spirituelle Tradition des Christentums viel zu bieten. Wenn ich das versuche, in meiner Situation kreativ umzusetzen, ist das immer modern.

  • ⇥Foto: -gpm.
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Auf welche Veränderungen müssen sich die Christen vor Ort in den kommenden Jahrzehnten ganz konkret einstellen? Noch weniger Priester, dafür aber immer mehr Laien-Engagement?

Das hängt davon ab, zu wie viel Reformen die Kirchenleitung bereit sein wird. Der Dienst, den Priester tun, wird nach wie vor gebraucht. Deshalb muss man die Zugangsbedingungen ändern.

Engagement von Laien ist sehr wichtig und da geschieht sehr viel, wovor ich großen Respekt habe – aber man kann nicht alles darauf abwälzen. Viele haben heute weniger Zeit.

Ich möchte alle Kirchen vor Ort erhalten, aber vielleicht werden die meisten Pfarrheime nicht mehr finanzierbar sein. Wir werden also unsere Kirchen flexibler nutzen. Ich gehe insgesamt davon aus, dass die Bedeutung der Kirche als spirituelle und ermutigende Kraft für die Leute angesichts der weltweiten Krisen auch bei uns wieder zunehmen wird.

Wagen wir einen Blick voraus: Wie, denken Sie, wird Grevenbroich in zehn, zwanzig Jahren aussehen?

Es wäre für mich sehr negativ, wenn noch mehr alte Bausubstanz abgerissen würde. Unsere alten Ortskerne strahlen noch sehr viel Individualität und damit Heimat aus, aber das steht gerade auf dem Spiel.

Grevenbroich sollte wilder, das heißt natürlicher aussehen: Keine Steinvorgärten, weniger sterile Ordnung, mehr Natur und Wildwuchs. Das wird uns allen guttun und von manchen inneren Zwängen befreien.

Aus einer solchen Gelassenheit können wir auch mit den wirtschaftlichen Veränderungen besser umgehen. Wir werden aufgrund der Klimakrise kaum noch in der Welt herumreisen können, weil es möglicherweise keine Flugreisen mehr geben wird. Deshalb werden wir es uns hier schöner machen und zu mehr Miteinander finden. -gpm.

(Gerhard P. Müller)