1. Grevenbroich

Galerist Dirk Geuer

Lesen Sie heute im Magazin „Grevenbroich – Unsere Heimat“ : Galerist Dirk Geuer – „… ein Marco Polo der Kunst“

Jörg Immendorff (1945 – 2007) betritt den Raum. Kameras surren, Fotoapparate klicken. Der Grafiker, Maler und Bildhauer gehört zu diesem Zeitpunkt, Mitte der 1980er Jahre, bereits zu den schillerndsten Figuren der deutschen Kunstszene. Er ist zu Besuch in Grevenbroich, im „Haus Hartmann“ – er fordert die Kameraleute und Fotografen auf, mit ihren Aufnahmen zu warten und er ruft: „Wo ist der Geuer?“

Dirk Geuer muss heute in seiner gleichnamigen Galerie auf der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Allee, die es hier seit Mai 2016 gibt, noch immer leise lächeln, wenn er davon erzählt. „Immendorff fand mich im Gewühl, hakte mich unter, zog mich in die Raummitte und meinte: ‚Jetzt können sie weitermachen, denn dieser junge Mann hat großen Anteil an dem Ganzen hier.‘“ Der junge Mann war jüngst erst 18 Jahre alt geworden, am 29. Juli 1969 in eben jenem Grevenbroich geboren, in dem er nun seinen ersten eigenen Schritt in jene Welt tat, in der er seither mit „viel Liebe zur Sache“ unterwegs ist – als Galerist in der Welt der Kunst.

„Ursprung“ - Die Sache mit Immendorff kam so: Dirk Geuer ist bezüglich der Kunst-Branche familiär stark geprägt. Schon seine Großtante vermittelte etwa einen Tizian nach Japan, doch vor allem seine Eltern formen seine spätere Leidenschaft. Sie führen eine erfolgreiche Galerie in Grevenbroich. Seine Mutter gibt ihm das Musische, das Emotionale für diesen Beruf mit auf den Weg. Der Vater lehrt ihn das Kaufmännische, das Kommunikative, betont auch die handwerklichen Aspekte der Arbeit. Dirk Geuer ist schon in die Galerie-Arbeit der Eltern involviert, als er begeistert die Immendorff-Grafik „Das Ständchen für B+D“ in den Händen hält. Er will diese Kunst öffentlich machen. In der Galerie der Eltern. Der Vater sagt: „Großartige Kunst, aber nicht in unserer Galerie – mach das für Dich.“

Dirk Geuer macht, obwohl er die Ablehnung des Vaters zunächst wie einen „Schlag ins Gesicht“ empfindet. Doch es wird seine Feuertaufe. Er stellt sich auf die eigenen Füße, inszeniert die Präsentation im „Haus Hartmann“. „Die erste Ausstellung eines bedeutenden Künstlers, die ich je organisiert habe, fand in meiner Heimatstadt statt.“ Er spricht von einem „unfassbar schönen Moment“. Es ist proppenvoll. Und Jörg Immendorff beginnt zu rufen…

Immendorff ist der Nukleus seiner Karriere. Es folgt eine Geuer-Ausstellung in Mönchengladbach, dann bald Teilnahmen an Staatsbesuchen mit Kanzler Schröder und dem „Vor-Wende-Künstler“ Immendorff („Café Deutschland) nach Georgien, China oder nach Russland, „Er hat mich immer begeistert“, sagt Dirk Geuer.

 Dirk Geuer mit dem englischen Künstler Tony Cragg (Mitte) bei dessen gerade zu Ende gegangener Ausstellung „Sculpture – Body and Soul“ in der Wiener Albertina (zusammen mit Museums-Generaldirektor Prof. Dr. Klaus Schröder. links).
Dirk Geuer mit dem englischen Künstler Tony Cragg (Mitte) bei dessen gerade zu Ende gegangener Ausstellung „Sculpture – Body and Soul“ in der Wiener Albertina (zusammen mit Museums-Generaldirektor Prof. Dr. Klaus Schröder. links). Foto: Geuer und Geuer

Seit 1989 ist er auf dem Kunstmarkt tätig. Wobei: „Galerist zu sein, ist nur ein kleiner Auszug dessen, was ich persönlich an Leidenschaft in die Kunst mitbringe“, sagt er heute in Düsseldorf. „Der Umgang mit Kunst und mit Künstlern weltweit ist für mich eine Berufung. Das ist keine Arbeit, ich liebe das, was ich tue.“ In einer bestimmten Form sei er gar kein typischer Vertreter seiner beruflichen Gattung. Sein Wirken erschöpfe sich nicht im bloßen An- und Verkauf von Kunstwerken, auf die reine Zahlenebene. „Meine Arbeit bringt mich in eine Beziehung zu den Kunstschaffenden, mit denen ich unterwegs bin.“

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Er hat dies getan – mit wahren Größen der zeitgenössischen Kunst-Zunft wie Heinz Mack, Günther Uecker, Tony Cragg, Julian Schnabel oder Christo und Jeanne-Claude. Weltweit! Auf Kuba, im Iran in China, fast ganz Europa. „Nur Australien fehlt mir noch“, lacht er. Er sieht sich eher als „eine Art Manager“ der ProtagonistInnen, organisiert Projekte, initiiert Themen, trifft Auswahlen von Museen oder entwirft die Art und Weise, wie Werke präsentiert werden. Er schafft emotionale Verbindungen, gestärkt auch durch mehrere kunsthandwerkliche Ausbildungen und schlichten Arbeitsfleiß – unterstützt durch sein 16 Personen umfassendes Galerie-Team. Uecker hätte ihm kürzlich gesagt: „Sie sind für mich wie ein Marco Polo der Kunst, entdecken Ausstellungshäuser, die ich sonst niemals gesehen hätte.“ Für Geuer eine „schöne Bestätigung“ seiner Arbeit.

Die grundsätzliche Intention: „Ich sehe mich als jemand, der Kunst weltweit sichtbar macht, der Hemmschwellen abbauen, den noch immer vielfach herrschenden elitären Geist der Kunst bei Seite schieben will.“ Für Letzteres ist er Kooperationen mit Massenmedien eingegangen, stellte regelmäßig Kunst in Zusammenarbeit mit der Bildzeitung vor, pflegt bis heute einen „TV-Kunstkanal“ beim Nachrichtensender n-tv.

„Ursprung“ „Ich sage jedem noch immer, woher ich komme – Galerist aus Düsseldorf, aber geboren in der Stadt Grevenbroich in der Nähe. Die Besinnung auf meine Wurzeln ist mir wichtig, noch mehr, seitdem meine Mutter viel zu früh gestorben ist. Ich habe dort immer gerne gelebt, kann auf eine behütete, aber nicht überbehütete Kindheit zurückblicken.“ Er hat dort auch immer mal wieder berufliche Projekte gemacht, sich dann aber irgendwann zwischenzeitlich zurückgezogen. Er begründet das damit, „dass es in der Stadtspitze und bei mir zeitwillig sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Präsentation von Kunst in einer Stadt wie Grevenbroich gab.“ Das habe in keinem Verhältnis mehr gestanden. Da sei dann bei einer Ausstellung eines bekannten Künstlers oder einer Künstlerin moniert worden, warum denn diese noch nicht einmal persönlich vor Ort seien. „Nun, was erwartet ihr, gebt mir ein Budget“ habe er geantwortet. Und: „Die Ausstellung alleine zu bekommen, dafür hätten andere schon viel gegeben.“ Dirk Geuer gibt zu, dass ihm da eine gewisse Dankbarkeit gefehlt habe. „Doch das Schöne an Politik ist, dass sich das alles schnell wieder wandelt.“ Er könne sich mittlerweile wieder Projekte in seiner Heimat vorstellen. „Es gibt dafür wunderschöne Orte in Grevenbroich, etwa die Versandhalle“, sagt er.

Dirk Geuer verhehlt auch weitere Enttäuschungen, Kränkungen nicht. „Der Kunstmarkt ist ein Haifischbecken. Da gibt es Eitelkeiten, das vielköpfige Umfeld berühmter Menschen, das seine eigenen Interessen durchsetzen will. Es ist viel Geld im Umlauf. Man braucht Ellenbogen und Hornhaut auf der Seele.“ Und mehr Eigenständigkeit. Seit 2013 gehört ihm die Galerie ganz allein, es gibt „keine Partner mehr, keine Investoren, keine Banken m Hintergrund.“

Er gründet die gemeinnützige Stiftung Association for Art in Public (AAP), will damit stetig bedeutende Kunst international präsentieren. 2022 hat sie – „und darauf bin ich sehr stolz“ – die offizielle Teilnahme der Heinz Mack-Ausstellung an der diesjährigen Biennale in Venedig ermöglicht. Seit dem 27. November ist sie an der dreiwöchigen Dieter-Nuhr-Bilderschau „Von Fernen umgeben“ in Dakar im westafrikanischen Senegal mit beteiligt. Dirk Geuers ursprüngliche Zielsetzung, „bedeutende Künstler und ihre Werke in renommierten Museen weltweit sichtbar zu machen“, wird weiterhin erfüllt…

„Ursprung“Dirk Geuer sagt: „Ich kehre immer wieder gerne zurück nach Grevenbroich“, wo sein Vater noch lebt. Ihn zieht es dann etwa „in den Wald an der Erft, ans Wildfreigehege, in den Park am alten Schloss oder rund um die Villa Erckens, vor allem am kleinen Fluss-Wehr.“ Eben zurück zu seinen Wurzeln.

(Stefan Pucks)