Gries in Gefahr

Gries in Gefahr: : Mutig geht´s in den Abgrund

Von der Autobahn aus ragt es aus der Stadt empor: Das Silo der RWG-Rheinland in Jüchen. Mit einer Höhe von 60 Metern gilt es als höchster Punkt der Stadt Jüchen. Nur Funkantennen befinden sich auf dem Dach ­- und das Team von „RheinAlpin-Industrieklettern“, das sich gemeinsam mit Redakteurin Alina Gries in den Abgrund stürzen will. So zumindest fühlt es sich für unsere Redakteurin an…

„Als Kind hatte ich Höhenangst und auch jetzt fahre ich nicht gerne auf Fahrgeschäften mit Looping oder einem freien Fall“, versucht Peter Schmidt mich zu beruhigen, während Teammitglied Simone für den Rundum-Schutz mit einer Kletterausrüstung sorgt. Sogar die Kamera wird an meinem Sicherheitsgurt befestigt. Dabei wandert mein Blick immer wieder das Silo hinauf. „Eigentlich wollte ich irgendwann einmal einen Fallschirm-Sprung aus einem Flugzeug machen“, plappere ich noch munter. Dann geht es auch schon mit dem ganzen Equipment im Aufzug einige Etagen höher. Johan Hoekstra von der RWG winkt aufmunternd zum Abschied. Dieses Mal möchte er lieber Boden unter den Füßen haben (im Zuge der Adventskalender-Türchen-Geschichten sind wir schon einmal vor drei Jahren oben auf dem Dach des Silos gewesen).

Für Peter Schmidt und seine sieben Teammitglieder ist das Routine. „Man gewöhnt sich daran, weil man sich ja schließlich dem Reiz ganz bewusst aussetzt“, meint er. Schmidt war früher als Dachdecker auf vielen Kirchtürmen tätig. „An einen sind wir wegen eines Gräberfeldes nicht nah genug herangekommen“, erinnert er sich, „im Fernsehen habe ich dann einen Beitrag zum Industrieklettern gesehen und zwei Wochen später einen Lehrgang gemacht.“ Seit 2007 ist Schmidts liebstes Hobby Rumhängen – je höher, desto besser. Hauptberuflich ist er im Rettungsdienst tätig. Erst vor drei Jahren gründete der Jüchener dann „RheinAlpin“.

Während die beiden das Equipment in einem eingespielten Rhythmus zusammenschrauben und es auf dem Dach befestigen, schaue ich ihnen interessiert bei ihrer Arbeit zu. Nur ein paar Windböen machen es mir teilweise schwer, nicht den Halt zu verlieren. So langsam gewöhne ich mich an die Höhe und schieße ein paar Fotos. Von Jüchen, den Feldern, der Autobahn und dem Tagebau – von hier oben hat man wirklich eine atemberaubende Aussicht.

„Gleich geht es los“, reißt Schmidt mich dann plötzlich aus meinen Gedanken. „Hält das denn auch alles und ist sicher?“, frage ich dann doch nochmal nach. Zwei- bis dreimal muss ich diese Frage stellen, weil der Wind meine Stimme immer wieder unterdrückt. Und wieder versucht Peter Schmidt mich zu beruhigen, gibt mir eine Sicherheitseinweisung und erklärt noch einmal alle Systemkomponenten und den Ablauf.

Dass er den Job schon lange macht, ist ihm anzumerken. Hier oben auf dem Silo ist er selbst noch nicht gewesen. 60 Meter sind für ihn aber eher eine leichte Übung. „Der ,höchste‘ Auftrag lag in 180 Metern Höhe“, erzählt er.

Geduldig hält er mir dann ein Sitzbrett hin, das ich zum Abseilen benötige. Simone Schmidt verspricht noch einmal: „Keine Sorge, ich lasse dich ganz langsam runter.“ Nun gut. An der Brüstung angekommen, traue ich mich dann noch nicht so recht nach unten zu schauen. „Du müsstest da jetzt einmal drüber klettern. Sieh es als eine Art Leiter an“, werde ich in die Start-Position verwiesen.

Eine Leiter mit zwei Stufen, mein einziger Halt ist Peter Schmidt, der sich mit mir abseilen wird. Nach dem dritten Anlauf schaffe ich den Schwung rüber. „Jetzt musst du dich hinknien“, so die Anweisung des Profis. „Und dann muss ich mich wohl nach hinten schwingen lassen?“ – „Ja genau“. Dass das so schwierig sein wird, hätte ich nicht gedacht. Kniend rutsche ich immer weiter dem Abgrund entgegen, die Hände fest an der Brüstung.

„Du musst jetzt langsam loslassen“, so Peter Schmidt, der in ständigem Kontakt mit Simone steht, die dementsprechend die Seile anziehen oder lösen muss. Mit meinen Knien schon am Ende des Abgrunds, klammere ich mich noch mit ausgestreckten Händen an die Brüstung. „Ich kann nicht“, rufe ich schon fast verzweifelt und merke wie sich mein Bauch zusammenzieht. Dabei ziehe ich mich dann doch mit meiner letzten Kraft wieder in die Ausgangsposition. Erst jetzt bemerke ich die Drohne über meinem Kopf. Julian Jungheim von der Feuerwehr begleitet uns aus der Nähe – vom Boden aus.

Peter Schmidt vermittelt mir den Sicherheitsaspekt der ganzen Aktion: „Jeder Teilbereich des Systems wird nach dem Vier-Augen-Prinzip mehrfach kontrolliert, und es gibt mehrere Sicherheits-Backups. Die letzte Sicherheit ist jeder selber: bei Problemen können wir jederzeit abbrechen. So zum Beispiel, wenn Du Dich an der Ausstiegskante nicht überwinden kannst.“

Wieder rutsche ich mit den Knien zum Abgrund und lasse mich dann einfach nach hinten fallen. Eine wirkliche Überwindung. Peter Schmidt seilt sich alleine ab, blitzschnell geht das bei ihm. Dabei kontrolliert er noch ein letztes Mal, dass die Seile auch über die Schutzkappen laufen, damit sie nicht aufgeschnitten werden und landet neben mir.

„Alles gut?“. Ich schaffe es nur stumm zu nicken. Den Blick richte ich starr auf die Wand des Silos, nach unten wage ich es erst gar nicht zu schauen. Und langsam geht es hinab. Nach ein paar Minuten hab ich mich an die Höhe gewöhnt – naja zumindest ein bisschen. Hier und da versuche ich Fotos zu machen, eine Hand noch fest um das Seil geschlossen. „Du kannst das Seil auch loslassen“, rät der Industriekletterer. Aber so fühle ich mich dann doch etwas sicherer.

„Und du kannst auch etwas mitschwingen. Wenn wir zum Beispiel ein Hindernis im Weg haben, müssen wir das auch machen“, dabei stößt er sich mit den Füßen ab und schwingt ein wenig zur Seite. „Lieber nicht“, meine ich nur und konzentriere mich auf meine Atmung. Plötzlich fegt ein Windstoß mich dann ein kleines Stück zur Seite. So also fühlt sich Jane in den Schlingen von Tarzan. Mit den Zehenspitzen federn wir uns ab und dann ist auch schon fast ein Ende in Sicht.

Jungheim, Hoekstra und andere Schaulustige applaudieren – ebenso begeistert wie ich. Was für ein Empfangskomitee, da freut man sich doch, sicheren Boden unter den Füßen zu haben. Einen Moment brauche ich noch und Peter Schmidt rät: „Leg die Füße gleich hoch.“ Eine gute Idee, bin ich doch noch sehr aufgewühlt.

Das Interview im Nachgang? Schaffe ich nicht. Zu aufgedreht ist mein Kopf und Magen. Die Fragen fallen mir gar nicht ein. Peter Schmidt wagt einen Schritt weiter: „Neben dem Industrieklettern und der Höhenrettung haben wir auch einen Schulungsbetrieb. Anfang kommenden Jahres beginnt der nächste Grundlehrgang zum Höhenretter.“

Übrigens: Das Video mit der Drohne gibt es auf „Instagram“ zu sehen.

(Alina Gries)
Mehr von Erft-Kurier