Bekannte Wirkungsstätte, komplett neuer Aufgabenbereich: Ein bisschen wie nach Hause kommen war sein Einzug in das Rathaus für Philipp Sieben, hat er doch sechs Jahre im Ordnungs- und Liegenschaftsamt gearbeitet. „Ich kenne das Haus und einen Großteil der Kollegen noch von damals“, verrät er.
Durch seine vorangegangenen Tätigkeiten, besagte Stelle sowie die Arbeit als Fachbereichsleiter in den Stadtverwaltungen von Hemer und Tönisvorst, im Kultur- und Wissenschaftsministerium des Landes NRW und als Regierungsdirektor und Hauptdezernent im Dezernat 20 in der Bezirksregierung Köln, dachte Philipp Sieben, schon eine gute Vorstellung von den Aufgaben eines Bürgermeisters zu haben. Doch wie so oft kommt es anders, als man denkt: „Ich habe gedacht, dass es mehr Aktenarbeit und weniger Repräsentation wird“, schmunzelt er mit Blick auf die vielen Termine – von Richtfesten bis hin zu Spendenübergaben –, die in den vergangenen Wochen auf dem Plan standen. Die Akten warten dann gerne noch nach 18 Uhr auf ihn, lacht er.
Als neuer Chef im Rathaus nutzte Philipp Sieben die ersten Wochen vor allem, um mit den Ämtern der Verwaltung in den Austausch zu gehen und sich mit den verschiedenen Themen vertraut zu machen. Hier freut er sich besonders über die gute Unterstützung der Kollegen und deren große Bereitschaft, gemeinsam anzupacken und Dinge nach vorne zu bringen.
Genauso wichtig war dem Bürgermeister aber auch, von Anfang an den Austausch mit der Politik zu finden. Direkt am allerersten Tag im Rathaus habe er sich daher mit den Fraktionsvorsitzenden zusammengesetzt. Der Plan sei, sich ungefähr jeden Monat zusammenzusetzen und sich schwerpunktmäßig über Themen auszutauschen. „Nicht, um Entscheidungen vorwegzunehmen, sondern, um sich gemeinsam ein Bild zu bestimmten Themen zu machen“, betont der Bürgermeister, der somit die Rahmenbedingungen für eine gute Ratsarbeit schaffen möchte.
Ein Thema, das die Anfangszeit beherrscht, ist natürlich der städtische Haushalt. Schon im Wahlkampf hinterfragte Sieben diesen und sprach von der Suche nach Einsparpotenzialen. Bei seinem Amtsantritt sei der Haushalt für das Jahr 2026 fertig gewesen, unter seiner Verantwortung dann die Änderungsliste gemacht worden. „Es wird sehr scharf gerechnet, bis wohin wir gehen können, um eine Haushaltssicherung zu vermeiden. Rechnerisch gelingt uns das dieses Jahr“, so Sieben mit Blick auf das Defizit von gut 2 Millionen Euro. Das Jahr 2026 solle nun genutzt werden, um alle machbaren Einsparmöglichkeiten zu finden. Dabei müsse vielleicht auch neu gedacht werden.
„Es geht nicht unbedingt nur um die Frage ,Was machen wir?‘, sondern ,Wie machen wir etwas?’“ Hier denkt Philipp Sieben an mögliche Kooperationen mit anderen Städten („Es ist zum Beispiel günstiger, gemeinsam Streusalz in größeren Mengen anzuschaffen.“), um Kosten zu sparen. Außerdem könnte hinterfragt werden, welche Software wirklich gebraucht werde oder ob es Alternativen gebe.
Wie weit die Überlegungen reichen, zeigt dieses Beispiel: „Jüchen ist auf eigene Initiative Stadt geworden, wodurch wir Aufgaben dazubekommen haben. Aus diesem Grund haben wir einmal durchgespielt, was wäre, wenn wir wieder Gemeinde werden. Aber da wir so nah an der Einwohnergrenze, ab der man ohnehin Stadt wird, sind, lohnt sich das rechnerisch nicht.“ Um der Haushaltssicherung zu entgehen, werde zwangsläufig auch auf „nicht so schöne Optionen“ zurückgegriffen werden müssen – Stichwort Steuererhöhungen. Doch die sollen, so weit das möglich ist, vermieden werden.
Für ebenfalls große Debatten sorgte die Neuorganisation der Polizeikräfte im Kreis. Bereits seit November läuft die Testphase, bei der die Jüchener Einsatzkräfte ihren Dienst zentralisiert in Grevenbroich aufnehmen. Hier ist Philipp Sieben der Meinung, dass eine bessere Aufklärung im Vorfeld für weniger Verunsicherung bei den Bürgern gesorgt hätte. „Daher ist es wichtig, zu betonen, dass die Polizei hier in Jüchen weiter eine Anlaufstelle hat – sowohl für die Beamten, als auch für die Bürger.“
Ein Thema, das dem zweifachen Familienvater persönlich am Herzen liegt, ist der Kita-Bereich. Im Wahlkampf sei er oft auf die vermeintliche Häufung der Notbetreuung angesprochen worden. Nun gehe es darum, zu klären, ob das der Realität entspreche. Dafür gehe es in den Austausch mit den Kita-Leitungen. Wie sind die Gebäude ausgestattet und wie ist die personelle Lage? Diese Fragen gelte es zu klären. Danach sollen Gespräche mit den Elternbeiräten folgen, um mögliche Probleme und Bedarfe aufzuzeigen und erste Pläne vonseiten der Stadt zu erläutern. „Generell sind wir personell gut, vor allem hoch qualifiziert aufgestellt. Das soll auch so bleiben“, weiß der 39-Jährige zu berichten.
Die Themenliste könnte noch lange weitergeführt werden – und sie geht weit über die Arbeit im Rathaus hinaus. Denn mit seiner Wahl kommen weitere Aufgaben in Gremien und Verbänden – vom Zweckverband Landfolge Garzweiler über die NEW bis hin zu den Kreiswerken Grevenbroich – auf den Bürgermeister zu. Sich in die bisweilen komplexen Strukturen der interkommunalen Zusammenarbeit einzufinden, brauche definitiv seine Zeit.
Im Gespräch wird deutlich: Das Bürgermeisteramt ist kein gewöhnlicher „9-to-5“-Job. Auf weit über 60 Arbeitsstunden pro Woche zu kommen, sei keine Seltenheit. Bleibt da noch Zeit für die Familie? Immerhin ist Philipp Sieben am Tag seiner offiziellen Amtseinführung zum zweiten Mal Vater geworden. Die dreijährige Tochter wisse mittlerweile, dass der Papa öfter für die Bürgermeisterarbeit weg ist, so Sieben. „Aber ich gebe mir große Mühe, meine Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen“, erklärt der Otzenrather und verrät, was ihm wichtig ist: „Ich nehme mir die Zeit, meine Tochter morgens in die Kita zu bringen. Das klappt fast immer.“
So anstrengend der Job manchmal auch sei, mache er ihn unglaublich gerne, zieht der Bürgermeister ein positives Fazit seiner ersten Monate im Amt: „Es ist ein tolles Gefühl, damit für meine Heimat und die dort lebenden Menschen etwas erreichen zu können.“