1. Grevenbroich

Durch Corona-Pandemie: Neue Wege der Kulturarbeit in Grevenbroich

Neue Wege der Kulturarbeit : „Es ist nicht alles schlecht“

Lockdown, Lockerungen, erneuter Lockdown und nun die bundesweit geltende „Corona-Notbremse“ – bei den aktuell weiterhin hohen Inzidenzwerten gucken Freunde von Kunst, Musik und Kultur mal wieder in die Röhre. Der Erft-Kurier hat bei Kulturamtsleiter Stefan Pelzer-Florack nachgefragt, wie er und seine Mitarbeiter mit der Pandemie umgehen und welche neuen Wege sie möglicherweise eröffnet hat.

„Es war ein großes Absagen, Verschieben und wieder Absagen. Das war schon sehr schwierig“, blickt Pelzer-Florack auf das vergangene Jahr zurück, „das hat aber jeden Veranstalter getroffen und die Künstler um so mehr, die schlimme Verluste eingefahren haben. Für uns war es in erster Linie vom Logistischen her frustrierend. Man nahm das Ganze auf und musste am Schluss doch wieder alles absagen.“ Eine vollkommen neue Situation für alle. Besonders da im ersten Lockdown viele Mitarbeiter zum Ordnungsamt abgeordnet wurden. „Ich war hier quasi fast alleine“, erzählt der Kulturamtsleiter.

Doch den Kopf in den Sand stecken wollte er deswegen nicht. Stattdessen nutzt Pelzer-Florack die Pandemie, um in seinem Fachbereich neue Wege zu bestreiten und vermehrt online und in den sozialen Medien aktiv zu werden. Den Anfang machte zum Beispiel „Kleinkunst am Vorabend“, eine Art Lockdwon-Liederbuch. An 50 Tagen nahm er 50 Songs auf – Coversongs von Bob Dylan bis Rio Reiser –, manchmal mit textlichen Bezügen zum Tagesgeschehen oder der Infektionslage, und veröffentlichte sie auf Facebook.

So brachte er nicht nur Struktur in seinen neuen Alltag, sondern auch Freude in die Heime seine Zuschauer: „Die Resonanz war total schön, damit habe ich gar nicht gerechnet. Die Leute waren teilweise schon fast ein bisschen besorgt, wenn ich nicht rechtzeitig um 19 Uhr gepostet habe. Das hat Spaß gemacht und ich konnte von mir etwas geben, aus dem Hause, aus dem Museum quasi, in die Stadt und auch über die Stadtgrenzen hinaus, was den Leuten ein bisschen Ablenkung gegeben hat.“

Musikalisch wird es auch auf dem neu einegrichteten Youtube-Kanal. Seit Beginn der Pandemie posten Pelzer-Florack und seine Kollegen dort eigens gefilmte Musikvideos. Aber auch Beiträge zu historischen Themen aus dem Stadtgebiet gibt es zu sehen. Über 50 Videos seien mittlerweile schon abgedreht und würden nach und nach veröffentlicht. Und weitere Videos wie etwa Atelierbesuche sind in Planung.

 Mehrere Konzerte waren im Museum und der Versandhalle im vergangenen Sommer möglich.
Mehrere Konzerte waren im Museum und der Versandhalle im vergangenen Sommer möglich. Foto: Stefan Pelzer-Florack

Den zweiten Lockdown nutzte der Kulturamtsleiter, um sich einmal der Kunst im öffentlichen Raum zuzuwenden. 70 Kunstwerke im Stadtgebiet erfasste er mit Texten und Fotos, verbunden mit einem täglichen Posting auf Facebook. Dabei gab es selbst für ihn den einen oder anderen Aha-Moment und Neues zu erfahren: „Schön war auch, dass man dadurch gemerkt hat, dass sich die Leute für Kunst interessieren, wenn sie die Story dahinter erzählt bekommen. Das hat uns glaube ich ein paar neue Kunst-Fans gebracht.“ Alle Kunstwerke sind mittlerweile auch auf der städtischen Homepage zu finden und eine Veröffentlichung gemeinsam mit dem Kunstverein in Buchform ist ebenfalls in Planung.

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Neue Wege wurden auch in der Bücherei und der VHS bestritten. Noch bevor sich der Begriff „Click & Collect“ durchsetzte, konnten in der städtischen Bücherei Medien kontaktarm ausgeliehen werden. Und in der VHS wurden mittlerweile 120 Vorträge und Kursangebote online durchgeführt – vor der Pandemie waren es keine. „Das sind natürlich auch Formate, da hat sich Routine und ein gewisses Know-how erarbeitet. Das wird man auch nach der Pandemie weiternutzen. Warum einen Kurs nicht auch parallel online anbieten?“, denkt Pelzer-Florack an die Zukunft.

Doch die sozialen Kontakte und den Austausch bei Veranstaltungen und Events vor Ort, kann das Online-Angebot auf Dauer wohl nicht ersetzen. Als im vergangenen Sommer endlich erste Lockerungen kamen, zögerten der Kulturamtsleiter und sein Team daher nicht lange und boten – als erste in Nordrhein-Westfalen – beispielsweise wieder Konzerte mit Publikum an. Zwar anfänglich nur mit acht Besuchern im Museum, später waren es bis zu 20, aber es gab allen ein Gefühl einer neuen Normalität. Von Mai bis Oktober konnten so 70 „Kleine Salonkonzerte“ in der Villa Erckens stattfinden. „Wir haben das gemacht, um auch Musiker zu unterstützen in diesen Zeiten“, erklärt Pelzer-Florack. Mit dem deutlich geringeren Publikum habe man auch nicht auf die Refinanzierung geachtet. Sogar ein Open-Air-Konzert mit 70 Besuchern konnte auf die Beine gestellt werden.

 70 Kunstwerke im öffentlichen Raum, hier ist die Water Flower auf der Museumswiese zu sehen, wurden vorgestellt. Ein Buch darüber ist auch in Planung.
70 Kunstwerke im öffentlichen Raum, hier ist die Water Flower auf der Museumswiese zu sehen, wurden vorgestellt. Ein Buch darüber ist auch in Planung. Foto: Stefan Pelzer-Florack

Seit Sonntag gilt nun im Kreis die „Corona-Notbremse“. Das Museum ist geschlossen und wann Veranstaltungen wieder möglich sind, steht noch in den Sternen. Aber das Team um Pelzer-Florack sei weiter motiviert, seinen Beitrag auch in der Pandemie zu leisten: „Wir sind immer sehr mit dem Herzen dabei. Meine Mitarbeiter und ich machen das aus tiefster Überzeugung.“ Und da man neue Formate entdeckt habe und andere Schwerpunkte setzen konnte, sei an der aktuellen Situation tatsächlich nicht alles schlecht.

Dass so bald wieder Präsenzveranstaltungen statfinden können, sieht Pelzer-Florack aktuell nicht. Trotzdem hält er weiterhin an dem geplanten Projekt „Arbeitsplatz Kunst“ fest, bei dem Interessierte in die Ateliers verschiedener Künstler schauen können. Am 29. und 30. Mai sollen die Ateliers ihre Türen öffnen, Anmeldungen gebe es bereits. „Und selbst wenn es strikte Begrenzungen gibt, ich will es machen“, bekräftigt er. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

„Die Pandemie hat uns gelehrt, wie zerbrechlich wir sind, in all dem, was selbstverständlich war. Und ich glaube, dass wir insgesamt dadurch achtsamer werden und es schon geworden sind. Auch mit der Kunst und der Kultur und was man gemeinsam erleben kann. Und ich bin sicher, dass diese gemeinsamen Momente, wenn die Pandemie im Griff ist, eine andere Wertigkeit – eine höhere – erlangen“, schließt Pelzer-Florack.