„Nach unserer Einschätzung ist der Mittlere Niederrhein aufgrund seiner Wirtschaftsstruktur stärker betroffen als andere Regionen in Deutschland“, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. „Unsere Region ist überdurchschnittlich exportstark, ein bedeutender Großhandels- und Logistikstandort sowie Heimat zahlreicher energieintensiver Industriebetriebe.“
Insbesondere diese Branchen dürften die Auswirkungen des Konflikts deutlich zu spüren bekommen. Rund 65.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten am Mittleren Niederrhein bei Verkehrsdienstleistern und Großhändlern. „Die Arbeitsplätze dieser verkehrsintensiven Branchen hängen maßgeblich von wettbewerbsfähigen Transportkosten ab“, erläutert Steinmetz. „Die stark gestiegenen Kraftstoffpreise bereiten uns große Sorgen.“
Bereits im vergangenen Jahr hatte das von IHK und Creditreform veröffentlichte Risikobarometer gezeigt, dass insbesondere Verkehrsdienstleister eine überdurchschnittlich hohe Ausfallquote verzeichneten und Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen konnten. „Bei weiter steigenden Kosten dürfte sich diese Situation verschärfen“, befürchtet Steinmetz. „Unsere Verkehrsdienstleister leiden schon jetzt unter der gesamtwirtschaftlichen Lage und einer maroden Infrastruktur.“
Auch die energieintensiven Industrien – etwa die chemische Industrie – könnten erheblich betroffen sein. Die Gaspreise auf dem Weltmarkt ziehen deutlich an. Zwar wirken sich diese Entwicklungen aufgrund langfristiger Lieferverträge nicht sofort auf die Kosten aus.
„Sollte die Krise jedoch andauern, ist bei Neuverträgen mit erheblich höheren Preisen zu rechnen. Das würde die finanzielle Belastung der Unternehmen spürbar erhöhen und die wirtschaftliche Entwicklung bremsen“, erklärt Steinmetz. Besonders betroffen wären gasintensive Betriebe, die bereits unter den Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine leiden. Mit knapp 40.000 Beschäftigten und einem überdurchschnittlichen Anteil von gut acht Prozent an der Gesamtbeschäftigung sind energieintensive Industrien für den Mittleren Niederrhein von großer Bedeutung.
Auch für die exportorientierten Unternehmen am Mittleren Niederrhein, die in der Golfregion vor allem Maschinen und Anlagen, chemische Erzeugnisse sowie Druck- und Holzprodukte absetzen, bringt der Konflikt zusätzliche Unsicherheit. Die Region, die kein zentraler Absatzmarkt ist, dient zudem als wichtiger Umschlagplatz im internationalen Warenverkehr.
„Jede geopolitische Krise erhöht die Unsicherheit im Außenhandel“, betont Steinmetz. „Als besonders exportorientierte Region mit einer Exportquote von mehr als 50 Prozent in der Industrie sind wir stärker davon betroffen als andere Regionen.“ Zudem ist die Golfregion ein bedeutendes Drehkreuz im Luftverkehr. Davon sind auch Unternehmen sowie Touristikanbieter mit Destinationen in Asien und Australien betroffen.
Die IHK warnt, dass der Konflikt mögliche konjunkturelle Erholungstendenzen wieder zunichtemachen könnte. „Sollte die Straße von Hormus über längere Zeit nicht passierbar sein und das Öl- und Gaspreisniveau hoch bleiben, dürfte dies die Konsumneigung der Bevölkerung dämpfen. Einzelhandel und Gastronomie gerieten dadurch zusätzlich unter Druck“, so Steinmetz.
Abschließend richtet die IHK einen klaren Appell an die Politik: „Gerade in einer Phase großer geopolitischer Unsicherheit braucht die Wirtschaft verlässliche und konsequent unternehmensfreundliche Rahmenbedingungen“, betont Steinmetz. „Ein wichtiges Zeichen wäre, die Körperschaftsteuerreform auf das Jahr 2027 vorzuziehen.“