Wir schreiben den 3. November 2025 ... es ist kalt, diesig, usselig! Der „Landrats-Bunker“ als eine spannende Zeitkapsel

Grevenbroich · Ein Montag-Vormittag im November. Es ist kalt. Knapp ein Dutzend Männer und Frauen stehen rund um einen „Kanalschacht“. Archäologen wollen dort hinabsteigen, um zu dem (fast) vergessenen Bunker zu gelangen, der im Zweiten Weltkrieg dem Landrat bei Bombardierung Sicherheit bieten sollte. Berichtet werden darf darüber zunächst nicht. Man hat Angst vor dem, was man bei Pyramiden als „Grabräuber“ kennt ...

Wieder zurück im Licht: Leiterin Dr. Ivonne Weiler-Rahnfeld. Der Helm war ein wenig ramponert.

Foto: KV./Gerhard P. Müller

Der scheidende Landrat hatte am Rande des Abschieds-Interviews dem Erft-Kurier erzählt, dass man bei der Sanierung des Kunstwerks/Brunnens vor dem „Ständehaus“ auf eine Betondecke gestoßen sei. Zugehörig zu einem Bunker, der längst in Vergessenheit geraten war.

Die mit ein wenig Erde abgeschüttete Deckenplatte des „Landrats-Bunkers“.

Foto: KV./Gerhard P. Müller

Auch die Aktenlage machte nicht schlauer. Der Kreis informierte den Landschaftsverband, der für die Erfassung von Baudenkmälern & Co. verantwortlich ist. Der rückte an diesem Montag an. Und brachte Vertreter des Vereins „Luftschutzanlagen Rhein Kreis“ mit.

„Wir kannten Zeugenaussagen, dass sich hier im Bunker die Befehlsstelle des Landrats befunden haben soll“, brachte Jörn Espositio, Vorstandsvorsitzender des Vereins, ein wenig Licht in das Dunkel. Anhand der Deckenplatte konnte man zudem zweierlei erkennen: Vom Typ spricht vieles für einen Rundbunker, Typ „Moerser Topf“. Und er scheint „bewettert“ zu sein. Das heißt: Luft scheint zu zirkulieren.

Der Abstieg beginnt für Ilona Dudzinski.

Foto: KV./Gerhard P. Müller

Dann ist es so weit: Zwei Vertreterinnen des Landschaftsverbandes, Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, Außenstelle Overath, wollen in den wohl in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts zugeschütteten Bunker hinabsteigen. Leiterin Dr. Ivonne Weiler-Rahnfeld und ihre Kollegin Ilona Dudzinski verschwinden mit Helm, Handschuhen und Stirnlampe schnell im Schacht. Stille kehrt ein.

Später erzählen sie, dass sie über einen Schutthügel in den „Moerser Topf“ gelangt seien. „Die Luft da unten geht so. Aber man riecht schon den Schimmel“, berichten sie. Weiler-Rahnfeld schwärmt regelrecht von einer „tollen Zeitkaspel“, in der vieles noch unberührt ist:

Lagebesprechung am Schacht: Niemand darf wissen, wo dieser Schacht liegt.

Foto: KV./Gerhard P. Müller

Vom „Arbeitsplatz“ des Landrats bis hin zu den Lattenrosten der bereitstehenden Betten, von Küchengeräten bis hin zu Wein-, Bier- und Schnapsflaschen sei wirklich viel zu finden, was umgehend dokumentiert werden müsse. Die Bemalung der Wände (Wegweiser und Anweisungen) und auch die technischen Systeme seien dem Augenschein nach in großen Teilen noch intakt.

Die wichtigste Erkenntnis aber: Es handelt sich um einen „zweiphasigen Bunker“: Ein rechteckiger „Altbau“ wurde später um den runden „Moerser Topf“ mit der wuchtigen Mittelsäule ergänzt.

Weiler-Rahnfeld erläutert, dass der Bunker wohl nicht nur für den kurzen Schutz bei Bombenabwürfen gedacht gewesen wäre. Er sei vielmehr so angelegt, dass sich der Landrat dort durchaus längere Zeit hätte verschanzen können.

Ruß-Spuren rund um die Feuerstelle beweisen dies. Und am Übergang der beiden Bunkerteile würden Sinterröhrchen zeigen, dass er in der Tat mehrere Jahrzehnte unberührt gewesen ist. „Da haben wir so was wie Tropfsteinhöhle“, scherzt die Bodendenkmalpflegerin, deren Helm bei der „Erstbegehung“ stark gelitten hatte. Man sieht: in der Tat ein nicht ungefährliches Unterfangen.

Der Boden ist übrigens feucht-verschlammt. Und der ehemals ebenerdige Eingang ist wohl abgerissen und verschüttet worden. Die Gesteinsbrocken wurden dabei einfach in den Bunker geworfen.

Das „Dokumentieren“ dieser „Zeitkapsel Landrats-Bunker“ könne bis zu drei Monaten dauern, so Weiler-Rahnfeld weiter. Schnell soll der Schachtdeckel, für den sich offensichtlich in den vergangenen 50 Jahren kein Mensch interessiert hat, mit einem Schloss versehen werden. Und erst dann, wenn die Relikte vor „Bunkerräubern“ sicher sind, darf dieser Artikel erscheinen.