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Rhein-Kreis Neuss: Welches Schicksal droht Tieren nach Corona-Boom?

Hund, Katze und Co. : Welches Schicksal droht den Tieren nach Corona-Boom?

In Deutschland gab es innerhalb eines Jahres eine Million Haustiere mehr als sonst. „Kein Wunder“, sagt Benjamin Pasternak, Vorsitzender des Tierschutzvereins Rhein-Kreis Neuss, und erläutert weiter: „Die Menschen sind wegen Corona Zuhause, haben plötzlich mehr Zeit als sonst und können sich um ein neues Tier kümmern. Aber mit Schrecken erwarten wir die Zeit, wenn die Menschen wieder den ganzen Tag im Büro sind. Was wird dann aus den Tieren?“

Auch das Tierheim Oekoven konnte so viele Tiere wie nie zuvor vermitteln. „Das ist natürlich gut, aber mit dem Wissen, dass vermutlich viele Tiere zurück kommen werden und dann mit Traumata versehen sind, müssen wir uns auf viel Arbeit vorbereiten“, so der Tierschutzverein-Vorsitzende. Er spielt darauf an, dass Hunde zum Teil der Familie werden, Vertrauen fassen. Werden sie plötzlich abgegeben, weil einfach keine Zeit mehr ist, können sie diese Erfahrung nur ganz schwer überwinden.

„Wir müssen uns deshalb natürlich auf einiges einstellen. Die Vermittlung von Tieren aus dem Tierheim läuft dank Corona eh anders. Aber wir sind definitiv noch strenger geworden, damit die Menschen sich noch intensiver mit der Entscheidung für ein Haustier auseinandersetzen“, so der 38-Jährige. Neben den Bewerbungsbögen, dem Spielen und Gassigehen zunächst unter Aufsicht und dann alleine mit dem Hund und der Probevermittlung wurde eingeführt, dass die Vermittlungsgebühr schon früh angezahlt werden muss: „Wir möchten, dass sich nur Menschen mit echtem Interesse melden!“

Dazu gibt es das Angebot vom Tierheim, dass ein Tiertrainer Tier und neues Herrchen Zuhause weiter begleitet. Und der Haustier-Boom sorgt nicht nur für aktuelle vermeintlich leere Tierheime: Züchter haben teilweise Wartelisten für fünf Jahre. „Da ist die Mutter des Welpen, der gekauft werden soll, noch gar nicht geboren“, schüttelt Pasternak den Kopf. Dass auch die Preise steigen, bedingt sich wohl bei der Entwicklung von selbst. Eine Katze geht da schon mal für 2.000 statt bisher 990 Euro „über den Tisch“.

Und auch kriminelle Banden haben natürlich Wind davon bekommen, dass mit Tieren aktuell gutes Geld zu verdienen ist. Jüngst wurde in Düsseldorf ein Transporter aufgebrochen: Darin 42 geschmuggelte Welpen – natürlich ohne Impfungen. „Die müssen dann in Quarantäne für sechs Wochen. Dürfen fast keinen Kontakt haben und das in der wichtigsten und prägendsten Zeit ihres jungen Lebens“, warnt Pasternak.

„Mit der Übersättigung des Marktes kommen wir fast zu einer Versachlichung des Tieres. Dabei geht es darum, dem Tier ein verlässliches Zuhause zu schenken. Ein Hund wird nicht damit umgehen können, dass er jetzt die volle Aufmerksamkeit bekommt und dann plötzlich von 8 bis 17 Uhr allein gelassen wird, wenn der Arbeitsalltag wieder los geht“, gibt Pasternak zu bedenken. Die Konsequenz würde sein, dass der Hund auf dumme Gedanken komme: „Wenn er die Aufmerksamkeit nicht erhält, die er braucht, sucht er sich die. Im schlimmsten Fall gibt er sich mit negativer Aufmerksamkeit zufrieden. Und da kann es sogar sein, dass es zu einem Biss kommt. Hunde können so zu einer tickenden Zeitbombe werden.“

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Themen wie diese behandelt der Tierschutzverein übrigens auch in den Live Talks. Der nächste wird am 25. April um 19 Uhr unter www.tierschutzverein-rhein-kreis-neuss.de sein. „Dann geht es um Erfolgsgeschichten. Tiere, die dank der Resozialisierung die Hoffnung auf ein neues Leben haben“, so der Vorsitzende. In der vergangenen Folge wurde über die aktuell vermehrte Anschaffung von Haustieren gesprochen.

Es ist nicht nur ein Blick in die Zukunft, den Pasternak mit den Warnungen wagt. Die Befürchtungen sind sogar vereinzelt schon eingetreten: „Wir hatten am Tierheim schon Menschen mit den Worten ,Homeoffice ist zu Ende’. Damit war dann scheinbar auch die Liebe zum Hund zu Ende.“ Damit es nicht so weit kommt, bitten die Experten darum, sich bewusst und mit allen Konsequenzen für ein Tier zu entscheiden – auch mit Blick auf die Zeit nach Corona: „Denn die Tiere haben ein sicheres und liebevolles Zuhause verdient.“