Die künstlerische Vita von Rainer Wittig ist wirklich beeindruckend und alles aufzulisten, würde den Rahmen sprengen. Doch der Werdegang ist einen kurzen Blick wert, denn er kam eher zufällig zur Bühne. Ein Inserat für ein Casting des Wuppertaler TiC-Theaters, das ihm von einer damaligen Kollegin im Supermarkt, in dem er arbeitete, ans Herz gelegt wurde, besiegelte es: Rainer Wittig ist für die Bühne geboren!
1996 feierte er im Stück „I love my wife“ Bühnenpremiere. Viele weitere Musicals, Komödien, Krimis und mehr folgten. Bis eine berufliche Umorientierung schließlich für eine längere Theaterpause sorgte. „Bald acht Jahre habe ich mit dem Schauspielern ausgesetzt“, erzählt der Stessener. Doch irgendwann sei ihm bewusst geworden: Etwas fehlt... Das Wiedersehen mit alten Bekannten aus seinen Wuppertaler Schauspielzeiten war es schließlich, das ihn erneut auf die Bühne brachte. Diesmal beim Kammertheater Dormagen.
Während er dort nach wie vor aktiv ist, gilt seine große Leidenschaft seit einigen Jahren aber der Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg im Kölner Männer-Gesang-Verein. Seit 150 Jahren begeistert diese Jahr für Jahr mit dem sogenannten „Divertissementchen“, einem ur-kölschen Musical mit aktuell gut 100 Laien-Darstellern. Bei knapp 30 Vorstellungen lockt die Veranstaltungsreihe rund 30.000 Zuschauer in die Kölner Oper. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich ein Männerchor so gut anhören kann“, schmunzelt Rainer Wittig, als er an seine erste Begegnung mit dem Traditionsverein zurückdenkt.
Sein erstes Jahr nutzte er, um im KMGV richtig anzukommen. Seine große Bühnenpremiere feierte er schließlich beim Divertissementchen 2020: „Fidelio am Rhing“. Dabei spielte er nicht nur im Ensemble, sondern durfte sogar zwei Sätze sagen. Und das war gar nicht so einfach, sind die Musicals doch immer auf Kölsch. „Das war für mich wie Chinesisch lernen“, lacht er.
Beim Stück „Corona Colonia“, das, wie der Name vermuten lässt, während der Coronapandemie aufgeführt und live gestreamt wurde, ergatterte der Hobby-Sänger dann zum ersten Mal die weibliche Hauptrolle. Auch in den darauffolgenden Jahren war er immer Teil des Divertissementchens – mal in Männer-, mal in Frauenrollen; mal in größeren, mal in kleineren Rollen.
Nachdem Rainer Wittig im vergangenen Jahr die männliche Hauptrolle im Stück „De kölsche Fledermaus“ verkörperte, steht er auch im aktuellen Divertissementchen wieder in einer prominenten Rolle auf der Bühne. Im Stück „E Levve för Kölle“ zum 150. Geburtstag des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, der Ehrenmitglied des KMGV war, spielt er dessen zweite Ehefrau Auguste „Gussie“ Zinsser.
Der Clou dabei: „Ich spiele Gussie auf der Himmelsebene. Die Rolle, ebenso wie ein paar andere, sind doppelt besetzt.“ Denn Jürgen Nimptsch, der für das Buch zu „E Levve för Kölle“ verantwortlich zeichnet, hat sich etwas Besonderes einfallen lassen, um das Wirken Adenauers mit dem für das Divertissementchen gewohnten Humor und Musik-Mix auf die Bühne zu bringen: Auf zwei Ebenen, dem Himmel und der Erde, spielt das Stück und verknüpft gekonnt Rückblicke auf den jungen Adenauer sowie den gestandenen Altkanzler in seinem Kanzler-Himmelszimmer.
Der Plot: Im Kanzler-Himmelszimmer hat sich Adenauer gut eingerichtet, doch nach 50 Jahren müsste er den Platz für seinen Nachfolger, Ludwig Erhard, freimachen. Das schmeckt ihm natürlich nicht und so wird mithilfe einiger Weggefährten – unter anderem Queen Elizabeth II., Aristoteles Onassis und Charles de Gaulle –, die ihm anlässlich seines 150. Geburtstags einen Besuch abstatten, Revue passieren gelassen, warum ihm das himmlische Kanzlerzimmer zusteht. Dabei kommentiert er natürlich auch die aktuelle Lage der Politik in Deutschland und der Welt, vor allem aber die heutige Kölner Kommunalpolitik.
Wie Jürgen Nimptsch verrät, hat er sich bewusst für diese Erzählweise entschieden, um dem Stück die nötige Leichtigkeit zu geben: „Es sind zum Teil furchtbare Geschichten in der Zeit damals. Aber im Himmel waren wir von Anfang an frei, mit Humor an die Sache zu gehen.“ Dass er dann auch noch höchstpersönlich als himmlischer Adenauer auf der Bühne steht, ihn weiter ausgestalten könne, sei eine glückliche Fügung. Nimptsch schmunzelt: „Mein Vorteil ist: Wie der Adenauer mit 150 Jahren im Himmel ist, das weiß niemand.“
Das Interesse am diesjährigen Divertissementchen hat alle Erwartungen übertroffen. Die 30.000 Tickets waren nach Vorverkaufsstart innerhalb von vier Stunden vergriffen. Und schon bei der vollbesetzten Generalprobe belohnten die Zuschauer die Darsteller mit tosendem Applaus. „Das Publikum nimmt das neue Stück wunderbar an. Wir haben jeden Abend Standing Ovation! Was haben wir doch für ein wunderbares Hobby“, strahlt Rainer Wittig.
Wer sich selbst ein Bild von „E Levve för Kölle“ machen möchte, darf sich auf eine Ausstrahlung im WDR freuen. Am Karnevalssamstag, 14. Februar, um 10.45 Uhr, sowie am Rosenmontag um 00.15 Uhr wird eine rund 120-minütige Aufzeichnung (damit fast ungekürzt) des Divertissementchens gezeigt. Im Anschluss wird sie ein Jahr lang in der ARD Mediathek zu finden sein.