„Windpark Jüchen“ „Schneller Rückbau“ per Zündung für den schnellen Wiederaufbau

Jüchen · Schwerer Nebel fiel auf die Landschaft, als der geländegängige Spezialbus auf die Autobahninsel rollte. Ein Reh-Pärchen suchte das Weite, mehrere Hasen schlugen ihre Haken. Ein Greifvogel wurde aufgescheucht. Der Bus hielt schließlich irgendwo im Nirgendwo, nur wenige Schritte von der Abbruchkante zum großen Braunkohleloch. Zwei Handvoll Presseleute kletterten aus dem Fahrzeug heraus, um in den Nebel zu starren. Sie warteten auf den „teuren Knall“, wie ihn später Harald Zillikens beschrieb.

 Die Windkraftanlage liegt auf dem Boden. Die anderen fünf Windräder sollen Stück für Stück demontiert werden.

Die Windkraftanlage liegt auf dem Boden. Die anderen fünf Windräder sollen Stück für Stück demontiert werden.

Foto: KV./Gerhard P. Müller

Irgendwann wurde dann auch die Autobahn gesperrt. Die Sprengmeisterin aus Thüringen fragte per Funk die Absperrposten ab (der Presse-Pulk war „Posten 4.2“). „Alles in Ordnung“, lautete die Antwort. Anschließend wurde der Sprengcomputer gestartet. Doch dann hieß es: „Die erste Zündung ist abgebrochen.“ Der Grund: Die Rotorblätter der Windkraftanlage, die an vergangenen Sonntagmorgen gesprengt werden sollte, standen ungünstig. „Ideal wäre ein umgekehrtes Ypsilon“, erläutert Sinje Vogelsang aus dem RWE-Presseteam.

Zu Erinnerung: Sechs Windkraftanlagen im „Windpark Jüchen“, der vom RWE gemeinsam mit der NEW und der Stadt Jüchen betrieben wird, mussten aufgrund von Baumängeln an den Betonteilen vor Monaten stillgelegt werden.

Das Windkraftrad sackt zusammen und fällt dann wie geplant in das vorbereitete Bett aus Sand und Kies. Die großen Rotorblätter biegen und brechen. Der Schrott muss nun geborgen und entsorgt werden. Immerhin geht es auch um giftige Stoffe.

Das Windkraftrad sackt zusammen und fällt dann wie geplant in das vorbereitete Bett aus Sand und Kies. Die großen Rotorblätter biegen und brechen. Der Schrott muss nun geborgen und entsorgt werden. Immerhin geht es auch um giftige Stoffe.

Foto: KV./Gerhard P. Müller

In Haltern war im Oktober des vergangenen Jahres ein gleichartiges Hybrid-Windrad eingestürzt. Das sollte in Jüchen vermieden werden. Eine der Konsequenzen: ein sechsstelliger Einnahmeverlust allein für die Stadt, wie Bürgermeister Zillikens bestätigte. Zudem verkürzt sich durch diese Wartezeit die Gesamtlaufzeit des Windrades. „Wir werden keine 20 Jahre erreichen können“, so Jüchens Verwaltungs-Chef.

Karsten Brüggenmann, Nordex-Geschäftsführer und damit Lieferant der Windkraftanlagen, zeigte sich entschlossen, die entstandene Scharte auszuwetzen: Er sprach vom „schnellen Rückbau und auch davon, „schnell zurückzukehren“ mit neuen Anlagen. Fünf der sechs Anlagen werden bis auf den Sockel demontiert; die Teile werden in der Nähe auf Bedburger Gebiet zwischengelagert. Die sechste Anlage war allerdings so beschädigt, dass nur eine Sprengung blieb.

 Nordex-Geschäftsführer Brüggemann: Vor dem Interview muss die Frisur geprüft werden...

Nordex-Geschäftsführer Brüggemann: Vor dem Interview muss die Frisur geprüft werden...

Foto: KV./Gerhard P. Müller

In den sechs „Baugruben“ sollen die neuen Windräder errichtet werden – wieder mit Betonhybrid-Türmen, wobei Nordex selbstverständlich den Beton-Bauer wechselt. Mit dem alten gibt es noch vielfachen Klärungsbedarf... Brüggemann gab offen zu, dass die vergangenen Monate „eine Achterbahn der Gefühle“ gewesen seien, dass man aber „konstruktiv mit den Kunden zusammengearbeitet“ habe. Immerhin hat Nordex im vergangenen Geschäftsjahr weltweit 1.600 Windkraftanlagen errichtet.

Am Sonntagmorgen herrschte allerdings regelrecht Windstille auf der Autobahninsel. Ein, zwei Beaufort wurden gemessen. Dementsprechend zeigten die Rotorblätter kaum Neigung, ihre Stellung zu ändern. Frieren und Warten war also angesagt. Allerdings war die Sperrung der nahen Autobahn auf 13 Uhr befristet. Gegen elf, der Nebel hatte sich gelichtet, startete die Sprengmeisterin, die der Presse nicht zum Gespräch zur Verfügung stand („Ich habe an dem Tag was anderes zu tun“), den zweiten Durchgang: Ankündigungssignal, Vergrämungssprengung und eigentliche Sprengung liefen sauber ab. Der Turm sackte in sich zusammen, bis er schließlich – wie geplant – in Richtung Fotografen kippte, wobei die Rotorblätter brachen oder deutlich verformt wurden.

RWE-Vertreter Jens Edler-Krupp und Bürgermeister Zillikens ganz entspannt nach der Sprengung.

RWE-Vertreter Jens Edler-Krupp und Bürgermeister Zillikens ganz entspannt nach der Sprengung.

Foto: KV./Gerhard P. Müller

Besonders wichtig war, dass der Turm in eigens vorbereitetes Bett fiel: Folie, Kies und Sand waren dort aufgebracht worden. „Die Gondel enthält giftige Stoffe, die nicht ins Erdreich gelangen dürfen“, betonte RWE-Pressesprecher Guido Steffen. Öle, Schmierstoffe und so weiter sollten im Sandbett aufgefangen werden. Dass diese ein Problem bei den Windkraftanlagen sind, machte kürzlich erst noch Rolf Thiemann, Naturschutzbeauftragter aus Bedburg, deutlich, der darauf verwies, dass Windkraftanlagen mitunter Teile der Betriebsmittel verlieren und in ihre gesamte Umgebung schleudern.

Nach der Sprengung kamen Jan Elder-Krupp (für das RWE „Windkraftentwickler Deutschland“) und Bürgermeister Zillikens zum Pressestandort. Ersterer richtete seinen Dank an das gesamte Team, das einen hervorragenden Job gemacht habe. Im kommenden Jahr sollen die neuen Windkrafträder an den Start gehen. Mit dem Ökostrom der sechs Anlagen kann dann endlich der Bedarf von mehr als 26.000 Haushalten gedeckt werden. Ziel des RWE sei es, so betonte Elder-Kruppe mit Nachdruck, die erneuerbaren Energien weiter voranzutreiben.

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