1. Jüchen

„Faule Gretel“ oder Burgfräulein:: Ihre Wurzeln geben „Muckefuck“

„Faule Gretel“ oder Burgfräulein: : Ihre Wurzeln geben „Muckefuck“

Nach einer alten Überlieferung wartet ein zur „Wegwarte“ verwandeltes Burgfräulein mit blauen Augen auf die Rückkehr ihres Liebsten. Die beste Kontrolle über Reisende hat sie dabei an Wegen und Straßen. Eine Erklärung, weswegen Wegwarten überwiegend an Wegrändern stehen.

Jüchen. Die wissenschaftliche Erklärung ist nüchterner: Die Wegwarte braucht einen vollsonnigen, trockenen und nährstoffreichen Boden, den sie hauptsächlich an den Wegrändern antrifft. Mit ihren himmelblauen Blüten ist die Wegwarte eine auffällige Wildblume, allerdings nur solange die Blüten geöffnet sind. Voll aufgeblüht zeigen sich die Wegwarten nur bei Sonne. Ab dem späten Mittag schließen ihre Blüten bereits wieder und die 1,5 Meter hohe, sparrig wachsende Wegwarte wird fast übersehen.

Da die Menschen es früher als gottgegebene Pflicht der Blumen ansahen, zu blühen, erhielt die Wegwarte den Beinamen „Faule Gretel“, weil sie nur den halben Tag ihre Arbeit verrichtet.

In früheren Beschreibungen wird eine Blühdauer von 6 bis 11 Uhr angegeben, nun sind die Blüten oft bis in den frühen Nachmittag geöffnet.

Warum die „Gretel“ neuerdings länger arbeitet, ist noch nicht geklärt.

Die Wegwarte gehört zu den Korbblütlern. Ihre Blütenköpfe sind aus mehreren Einzelblüten zusammengesetzt. Die Margerite, die in der Serie „Natur entdecken mit dem BUND“ bereits vorgestellt wurde, ist auch ein Korbblütler. Ihre Blüten-Körbchen bestehen aus Röhren- und

Zungenblüten, während die Blütenkörbchen der Wegwarte ausschließlich aus Zungenblüten zusammengesetzt sind.

Jede der himmelblauen Blüten blüht nur einen halben Tag. Dabei richtet die Wegwarte ihre Blüten stets nach der Sonne aus.

Der lateinische Name „Chicorium“ sagt vielen Menschen mehr als der deutsche Name Wegwarte, denn Chicorée ist eine bekannte Salatpflanze. Und tatsächlich ist die Wegwarte die Wildpflanze, die durch Veredlung zu Salat- und Gemüsepflanzen weitergezüchtet wurde.

Hierzu gehören übrigens der Chicorée, Zuckerhut und Radicchio-Salat.

Schon in der Bronzezeit soll die Wegwarte als Nahrungsmittel genutzt worden sein. Auch die Pfahlwurzel der Wegwarte findet Verwendung.

Geröstet und gemahlen wird sie zu Kaffee-Ersatz. Dieser Zichorienkaffee – besser bekannt als „Muckefuck“ – enthält allerdings kein Koffein.

Im Jahr 2005 wurde die Wegwarte zur „Gemüsepflanze des Jahres“ gewählt. Auch „Blume des Jahres“ war die Wegwarte 2009 schon.

Da aller guten Dinge drei sind, erhielt die Wegwarte dieses Jahr den Titel „Heilpflanze des Jahres 2020“. Ihre Heilwirkungen bei Magen- und Darmbeschwerden beruhen dabei überwiegend auf den enthaltenen Bitterstoffen.

Interessant wird die Wegwarte für Diabetiker durch den Gehalt an Inulin, das als Stärkeersatz den Blutzuckerspiegel nicht ansteigen lässt.

Der „Blauen Blume“ werden noch viele weitere Eigenschaften zugeordnet, sogar auch magische Wirkungen.

So wird sie genutzt, um unverwundbar, siegreich oder sogar unsichtbar zu werden.

Auch für Liebeszauber soll sie taugen:

Wer die Wurzel mit einem Hirschgeweih oder einem Goldstück ausgräbt, konnte sich entweder einen gewünschten Liebespartner sichern oder besonderes Jagdglück.

Der BUND wünscht viel Spaß beim Suchen der blauen Blume und beim Kontrollieren, wie faul die Gretel ist, und ob die Blüten wirklich zur Sonne gucken!

-tkG.